Pu Erh (Jingmai Laoshu 2004) mit einer Prise Salz

Im letzten Blog habe ich geschrieben, dass man den Tee im China der Tang-Zeit (618-907) mit verschiedenen Zugaben kochte. Der Tee war ein zu Blöcken gepresster Tee, der vermutlich Ähnlichkeit mit Pu Erh hatte. Die Ähnlichkeit besteht darin, dass der Tee bei Lagerung nachfermentieren kann. Das gilt vor allem für die südlichen Regionen Chinas, die für ein sehr warmes aber feuchtes Klima bekannt sind und wo sich Pilze wohlfühlen. Allerdings ist nicht bekannt ob diese Nachfermentierung überhaupt willentlich praktiziert wurde. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass Tee relativ frisch konsumiert wurde. Diesen Tee kann man heutzutage natürlich nicht mehr trinken, aber nehmen wir mal an, dass dieser Tee mit Pu Erh Ähnlichkeit hat und halten uns an Lu Yu, der seinem Tee noch Salz verabreichte. Die Vorstellung, Salz in Getränke zu schütten, ist auf den ersten Blick nicht besonders appetitlich. In einigen Kulturkreisen ist das aber gar nicht so unüblich. Unsere französischen Freunde mögen zum Beispiel gerne salziges Mineralwasser. Für mich war das Grund genug um ein kleines Experiment zu wagen.

Frau S. wollte sich an diesem Experiment beteiligen, also habe ich ihr zuliebe einen Pu Erh ausgewählt, der schon etwas älter ist: Jingmai Laoshu 2004. Diesen Tee haben wir uns mit ein paar Mitgliedern aus dem Forum (teetalk.de) bei chenshi-chinatee.de gekauft und geteilt. Hier gibt es auch die Erfahrungen der anderen zum Nachlesen.

 Das Blatt: 

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Die Blätter sind schon sehr dunkel und es gibt viele helle und teilweise goldene Tips

Dieses Stück war teilweise ziemlich hart und ich musste sehr vorsichtig sein um die Blätter mit möglichst wenig Bruch herauszulösen. Ca. 4,5g sahen dann so aus:

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Im vorgewärmten Gaiwan (eine chinesische Deckeltasse) steigen sehr harmonische Aromen auf, die an Tabak und Heu erinnern. Auch eine fruchtige Säure ist vernehmbar, die dem Tee eine leichte Frische verleiht. Nach dem ersten Waschen kommen andere Noten dazu: Es riecht etwas nach Medizin und Campher(?). Es riecht auch etwas nach Rauch und Honig, für Frau S. ist es vor allem der Rauch, den sie riecht und sie insgesamt an ihre Haare erinnert, die nach einem Abend mit rauchenden Freunden trotz Waschen ungefähr so riechen… Ok, ich sehe schon. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen.

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Eine Tasse für mich und eine für Frau S. Die rechte Tasse ist aus Seladon



Der erste Aufguss  ist recht mild, erfrischend und belebt sofort den Mund. Die rauchige Note erinnert mich an geräucherten Schinken. Frau S. ist wenig begeistert und denkt an ausgerauchte Pfeifenasche, sie lässt mich jetzt mit dem Tee allein…

Dafür kann ich jetzt einen Becher für einen normalen Aufguss und einen Becher für einen gesalzenen Aufguss verwenden. Die Menge des Salzes beträgt nicht viel, vielleicht 10-15 feine Salzkörner. Dieser Aufguss ist etwas stärker geworden und verursacht eine trockene Kehle. Da war ich wohl nicht vorsichtig genug mit der Ziehzeit. Er schmeckt etwas kräuterig, hat viel mehr Wucht und Spitzen im Geschmack. Der mit Salz schmeckt runder und weicher, nimmt dem Tee seine Adstringenz, aber drängt auch die kräuterige Note etwas zurück. Trotzdem ein interessanter Effekt, der den Tee nicht negativ verändert. Trotzdem ist dieser Aufguss insgesamt zu heftig geraten. Ab jetzt bin ich vorsichtiger und lasse den Tee nur noch um die 25 Sekunden ziehen.

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Tee-Utensilien bunt gemischt


Kommen wir zum dritten Aufguss: Die kürzere Ziehzeit hat gewirkt, zwar trinke ich den Tee jetzt alleine, aber so kann ich mehr vergleichen. Ohne Salz schmeckt der Tee jetzt mineralischer, der geräucherte Schinken ist zwar weg, aber dafür wird der Tee jetzt süßer. Daher drehe ich den Tee Frau S. nochmal an, die nur noch „verbranntes Holz“ schmeckt… Habe ich erwähnt, dass ich einen 180ml Gaiwan benutze? Wie soll ich denn jetzt den ganzen Tee alleine trinken? Gut, dass ich bei Stéphane einen Mini-Gaiwan mit 60ml bestellt habe. Zurück zum Geschmack: Dieser bleibt sehr lange im Mund erhalten und es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte er sich in den Geschmacksknospen festgesetzt. Zum Neutralisieren erstmal einen Schluck Mineralwasser.


Nach dem vierten Aufguss habe ich mir die nassen Teeblätter vorgenommen. Die teilweise unterschiedliche Färbung erinnert mich an das jetzige Herbstlaub. Der Duft kommt einem Darjeeling Second Flush nahe. Dazu noch ein bisschen Bienenwachs?
Im Geschmack zeigt sich der Tee jetzt deutlich milder und süßer. Ein Effekt des Schluckes Wasser? Der Kräutergeschmack ist viel präsenter. Mit Salz wird der Geschmack wieder etwas runder und betont die mineralische Note. Dafür verschwinden die Kräuter wieder.

Ab dem fünften Aufguss wird der Tee süffiger. Die nur noch leichte Herbe und der Kräuter-Geschmack lassen mich an kühlen sanpin-cha サンピン茶 denken, den ich mal auf Okinawa getrunken habe (Grüntee mit Jasminblüten-Aroma).
Nach dem siebten Aufguss war für mich Schluss. Der Tee war zwar noch nicht am Ende, aber ich hatte kein heißes Wasser mehr und war eh mehr als „sitt“, weil ich die meiste Zeit für zwei trinken musste.


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Viele schöne Blätter, die unterschiedlich gefärbt sind

Die Blätter sind so unterschiedlich gefärbt und erinnern an Herbstlaub in all seiner Farbenpracht. Passend zur Jahreszeit!
Fazit: Eine Prise Salz kann einem Tee unangenehme Ecken und Kanten nehmen, aber leider auch wesentliche Nuancen ausblenden. Es ist ein interessanter Effekt, den ich ab jetzt häufiger testen werde. Der Tee war interessant und ich bin gespannt, ob er sich noch etwas entwickelt. Er erinnerte mich sehr an einen jungen Pu Erh von 2011, den wir von chenshi-chinatee.de als Gratisprobe erhalten haben, nur dass er viel lieblicher und runder ausfällt. Die unterschiedliche Wahrnehmung von mir und Frau S. spiegelt im Übrigen genau das wider, was Gero in seinem Blog beschreibt: Bei Tee gibt es keine Objektivität.

 

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