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Ist Nepal-Tee der bessere Darjeeling?

Wie bereits im letzten Blog angekündigt, werde ich mich in der kommenden Zeit verstärkt mit Nepal-Tees auseinandersetzen. Der Osten Nepals grenzt and Indien, genauer gesagt liegt Darjeeling nur einen Steinwurf von der nepalesischen Grenze entfernt. Und da Darjeeling das renommierteste Anbaugebiet Indiens ist, welches eine viel höhere Nachfrage hat als es überhaupt produzieren kann, werden gerne von den angrenzenden nepalesischen Bezirken Teeblätter nach Darjeeling geschmuggelt, um sie dort zu verarbeiten. Das ist nicht gut, denn auf der Reise leiden die Blätter und was dann als Darjeeling produziert wird, ist qualitativ nicht mehr das Gelbe vom Ei.

Nepal macht Darjeeling Konkurrenz
Besser und effizienter ist es, wenn der Tee direkt im Ursprung verarbeitet wird. Die Grenzgebiete auf nepalesischer Seite haben nahezu identische Anbaubedingungen wie Darjeeling und daher beste Voraussetzungen, guten Tee zu produzieren. Was sie auch machen. Nepal hat sich zu einer ernstzunehmenden Teenation gemausert, die es schafft, zu wirtschaftlich guten Preisen eine echte Alternative zu den Spitzentees aus dem Nachbarland anzubieten.

Ruht sich Darjeeling auf seinem guten Ruf aus?
Das ist deshalb so wünschenswert, weil Darjeeling qualitativ abbaut, die Preise für die wenigen verbliebenen Spitzenqualitäten hingegen weiter in die Höhe steigen. Teehändler haben es daher immer schwerer, gute Qualitäten zu vertretbaren Preisen einzukaufen, denn wir Konsumenten haben natürlich eine Schmerzgrenze und werden nicht jeden Preis für einen guten Tee bezahlen.

Zwei preiswerte Alternativen zu Darjeeling
Schauen wir uns daher zwei Nepal-Tees an, die eine sinnvolle Alternative zu Darjeeling-Tees sind. Bei meinem letzten Besuch beim Tee Kontor Kiel habe ich zwei Tees aus Nepal mitgenommen. Es handelt sich um einen First Flush Schwarztee und einen Oolong.

Wenn ein Schwarztee kein Schwarztee mehr ist
An dieser Stelle ist es sinnvoll auf die traditionelle Einordnung der indischen und nepalesischen Schwarztees einzugehen. Ein Schwarztee ist ein Schwarztee, wenn die Blätter voll fermentiert bzw. oxidiert sind. Wenn man sich nun einen First Flush aus Nepal oder Darjeeling anschaut, dann sieht man häufig, dass die Blätter überwiegend grün sind. Streng genommen handelt es sich daher auch beim First Flush um einen Oolong. Das schauen wir uns später beim direkten Vergleich der beiden Sorten noch genauer an.

Nepal Sandakphu First Flush Premium Tippy (SFTGFOP1) 11,90 EUR (100g)
Sandakphu liegt genau an der Grenze zu Indien und nur 2,5 Autostunden von Darjeeling entfernt. Der Tee eignet sich daher sehr gut für einen Vergleich. Gebrüht wird nach der Methode für Schwarztees gehobener Qualität.

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Blatt
Man hört ja immer wieder von dem „Verbrechen“, dass die Blätter von den Produzenten absichtlich zerkleinert werden, damit diese weniger Volumen für die Verladung einnehmen. Das ist bei diesen wunderschönen Blättern nicht der Fall gewesen. Die Blattstruktur ist überwiegend intakt und wirklich schön anzusehen. Die Blätter sind silbrig grün, wenn ich jetzt einen Grüntee mit diesen Fotos beschreiben würde, kämen dann wohl Einwände?

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Duft
Das trockene Blatt verströmt feine Röstaromen, die ich mit Kuchenkruste und heller Brotkruste verbinde. Dazu kommen florale Aromen, die man auch von Darjeeling-Tees kennt. Direkt nach dem ersten Aufguss denken wir an Pfirsich, Kräuterlimonade (Almdudler) und Heilpflanzenöl.

Geschmack
Gebrüht wurde nach der üblichen Zubereitungsmethode für Schwarztees. Mehr Blätter, dafür kürzere Ziehzeiten und mehrere Aufgüsse. Der erste Aufguss zeigt noch nicht das ganze Potenzial, er ist sehr mild, dabei leicht fruchtig und Frau P. verbindet diese Frucht mit der Passionsfrucht.

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Erst beim zweiten Aufguss kann ich ihr dabei zustimmen. Jetzt erkenne ich sie auch. Da ist aber noch viel mehr. Zunächst zeigt sich der typisch florale First Flush-Charakter, den man auch von Darjeeling kennt. Die Frucht ist vielschichtig, denn neben der Passionsfrucht finden wir Spuren von naturtrübem Apfelsaft aus Wildwuchs, aber etwas Apfelmus ist auch dabei. Insgesamt sehr aromatisch.

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Der dritte Aufguss bringt endlich die eingangs erschnupperte Kuchenkruste in die Tasse. Die Frucht wird frischer und erinnert deutlich an Zitrusfrüchte.

Nepal Oolong Pathivara
Dieser Tee kommt aus dem Panchthar-Distrikt Nepals, der zwar über 3 Autostunden von Darjeeling entfernt ist, was aber eher an der Straßenführung liegt, denn die Luftlinie beträgt maximal 100km.

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Blatt
Das Blatt des Pathivara Oolong ist nicht ganz so schön wie das des Vorgängers. Es ist mehr Blattbruch dabei, wobei das weniger als Kritik gemeint ist. Tees wie der Sandakphu sind einfach die Ausnahme. Es fällt auf, dass die Erscheinung viel dunkler ist, der Pathivara erinnert somit mehr an einen Schwarztee als der Sandakphu.

Duft
Der Duft des trockenen Blattes ist im ersten Moment vom First Flush kaum zu unterscheiden, aber er scheint im direkten Vergleich doch kräftiger, würziger und irgendwie schwerer zu sein. In der aufgewärmten Kanne kommen interessante Aromen zum Vorschein, der Duft von Pinienwäldern in einer kleinen Kanne.

Geschmack
Man sieht es schon an der Aufgussfarbe, im Mund folgt die Bestätigung. Dieser Tee ist würziger, vollmundiger und gehaltvoller. Ich gestehe ja, dass ich die oxidierteren Tees lieber mag. Es gibt eindeutige Parallelen zu Darjeeling Second Flush wie z.B. das oft angesprochene Muscatel-Aroma. Der erste Aufguss ist würzig und erfrischend im Abgang. Zuerst zeigt sich Haselnuss, doch im Nachklang erinnert der Tee vielmehr an Walnuss.

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Im zweiten Aufguss werden die nussigen Aromen noch viel deutlicher. Es gesellt sich eine dezente Süße dazu. Sehr lecker.

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Einen Aufguss machen wir noch und werden mit Anflügen von Orangenschalen verwöhnt. Im Gegensatz zum First Flush stellt sich ein vertrauter Schwarzteegeschmack ein. Gepaart mit den Zitrusnoten kommen Erinnerungen an Zitronentee auf. In Polen gibt man ja gerne eine Scheibe Zitrone in den Tee.

Vergleich vom Schwarztee (First Flush) und dem Oolong 9,90 EUR (100g)
Ein richtiger Schwarztee sollte eigentlich braune Blätter haben, ähnlich einem angebissenen Apfel, der einige Zeit an der Luft liegt und sich braun färbt. Links sehen wir den „Schwarztee“, der ein guter Repräsentant eines First Flush aus Darjeeling bzw. Nepal ist. Rechts sehen wir den Oolong, der deutlich dunkler ist.IMG_1759

Fazit
Ich behaupte, dass beide Tees in einer Blindverkostung von „echten“ Darjeeling nicht zu unterscheiden wären. Wenn überhaupt, dann ist es der Oolong, der im Vergleich zu einem volloxidierten Second Flush auffallen würde, weil die Oxidation nicht weit genug fortgeschritten ist. Trotzdem sind beide Tees hervorragende Exemplare dafür, was Nepal zu bieten hat. Und da Nepal noch immer mit den Folgen des Erdbebens zu kämpfen hat, erfreut es mich umso mehr, dass auch Tee Kontor Kiel eine Spendenaktion gestartet hat. 50% der WebShop-Umsätze, die durch Nepal-Tee zustandekommen, werden an ManMayaMed e.V. gespendet. Hier geht es zum First Flush und zum Oolong.

Ist Nepal-Tee nun der bessere Darjeeling? Das kommt ganz darauf an, worauf man den Schwerpunkt legt. Darjeeling ist immer noch in der Lage, Spitzenqualitäten zu produzieren, die Nepal zur Zeit noch ausstechen. Aber diese haben dann auch ihren Preis. Geht man nur nach dem Preis-Leistung-Verhältnis, dann hat Nepal die Nase vorn.

Nepal ist nicht nur gut darin, preisgünstige Darjeeling-Alternativen hervorzubringen. Es gibt Produzenten, die es schaffen, einen ganz eigenen „Nepal-Charakter“ zu kreieren. Um diese Tees wird es nächste Woche gehen. Wenn du den nächsten Beitrag nicht verpassen möchtest, dann trage dich in den Newsletter ein.
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P.S.: Kurz in eigener Sache. Ein kleiner Traum, an dem ich seit mehreren Monaten arbeite, wird sich bald erfüllen. Allein deswegen könnte sich eine Newsletter-Anmeldung lohnen 😉

Preview: Gelber Tee Wuliang Golden Dragon

Über die Verarbeitung des Gelben Tees findet man viele widersprüchliche Informationen im Internet. Und weil es auch verschiedene Gelbe Tees gibt, die sich sowohl in Aussehen als auch in Geschmack und Duft unterscheiden, tendiere ich zu der Meinung, dass es tatsächlich mehrere Verarbeitungsarten gibt, mittels denen man einen Gelben Tee herstellen kann. Streng genommen sind es dann aber verschiedene Kategorien, wie es sie auch bei Grünem Tee gibt (Rösten vs. Dämpfen).

Eine Methode enthält, dass die Blätter (in dem Fall Knospen wie die Silbernadeln) ruhen gelassen werden, wodurch sie ein bisschen oxidieren. Aus diesem Grund verlieren sie ihr frisches Grün und werden gelb. Danach werden sie wie Weißer Tee sofort getrocknet.
Einer anderen Methode zufolge kommt die gelbe Farbe durch das schonende Rösten in Pfannen zustande. Das Rösten wird in China klassischerweise bei der Grünteeherstellung angewandt, um die Oxidationsenzyme zu deaktivieren. Nach welcher Methode dieser Tee verarbeitet wurde, weiß ich leider nicht, aber am Ende kann man vielleicht anhand der Blätter Rückschlüsse ziehen.
Diesen Tee habe ich von einem Tee-Enthusiasten erhalten, der gleichzeitig Tea-Taster einer großen deutschen Tee-Fachgeschäft-Kette ist. Wann und unter welchem Namen der Tee eingeführt wird, ist noch unklar und wird hier ergänzt, sobald es feststeht.
Update 07.12.2014: Der Tee ist unter dem Namen China Wuliang Golden Dragon bei TeeGschwendner zu haben.
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Aussehen
Das obige Foto macht deutlich, weswegen ich mich mit der Kategorie „Gelber Tee“ so schwer tue. Würde man diese Blätter neben einen Yunnan Schwarztee oder diesen Golden Needle legen, müsste man, wenn man denn vom Aussehen der Blätter auf die Kategorie schließen wollte, gerade die letzteren als Gelbe bezeichnen, denn der vorliegende Tee sieht vom Blatt her eher aus wie ein tippy Schwarztee.
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Duft

Die Blätter haben eine feine Würze, riechen „dunkel“ – etwas nach Schokolade mit hohem Kakao-Anteil. Frau P. und ich können uns nicht darauf einigen, was dominiert: Kuchenkruste oder Brotkruste, die vor dem Backen mit Butter bestrichen wurde. Da der Tee zusätzlich sehr süß duftet, tendiere ich zur Kuchenkruste, da ist aber i.d.R. auch Butter mit drin. Der Kniff, zuerst auf die Blätter auszuatmen, bevor man ihren Duft einatmet, wirkt bei diesem Tee besonders gut. Es kommt eine feine Erdbeermarmeladen-Note zum Vorschein, die einem sonst entgehen würde.
Im warmen Gaiwan wird die Brotkruste intensiver, zum Vorschein kommt für mich eine deutliche Honignote, Frau P. hingegen riecht deutlich Artischocken. Zu schade, dass ich zu selten Artischocken in meinem Leben gegessen habe, um mich jetzt an sie zu erinnern.

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Geschmack

Ich entscheide mich für eine intuitive Zubereitungsart im Gaiwan. Der Spender empfahl eine Temperatur von 90°C, daher halte ich mich an diese Vorgabe und lasse, weil ich anständig dosiert habe, nur 60 Sekunden ziehen. Es erschließt sich ein schöner und komplexer Geschmack. Frau P. schmeckt sehr deutlich Artischocken und Erdbeermarmelade, ich denke mehr an die Erdbeermarmelade, meine außerdem noch etwas Malz und Schwarztee-Geschmack wahrzunehmen.
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Danach wird der Tee süßer, neben Malz und Artischocken kommt Honig als weitere Komponente hinzu. Klasse! Danach begehe ich einen Fauxpas, lasse den Tee zu lange ziehen, er wird dadurch zu kräftig. Das war leider nichts, klarer Fall von Anwenderfehler.
Doch der Tee verzeiht es mir, zeigt sich im nächsten Aufguss sogleich von seiner süßen Seite. In einer Blindverkostung würde ich jetzt auf einen Yunnan-Schwarztee tippen, zu deutlich sind die typischen Honig-Aromen. Beim fünften Aufguss denkt Frau P. an Oolong. Mich überrascht die Würze und Kraft. Der letzte Aufguss hinterlässt einen ungewöhlichen Eindruck aus Gebäck und Pommes Frites. Das mag sich komisch anhören, schmeckt aber wirklich lecker.
Es gab noch einen dritten Genießer in dieser Runde. Er fragte sich während der gesamten Zeit, wovon wir beide eigentlich reden und konnte die Eindrücke überhaupt nicht nachvollziehen 😉
Rückschlüsse
Betrachtet man die aufgebrühten Blätter, fallen einem die braunen Oxidationsspuren gleich auf. Man kennt sie von Oolong und modernen „Schwarztees“ wie Darjeeling. Ich lehne mich vermutlich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass dieser Tee eher nach der kurzen Oxidationsmethode hergestellt wurde.
Edit 14.04.2014: Der Rückschluss ist wohl falsch. Ich habe mich nochmals vergewissert und mir wurde bestätigt, dass es sich bei diesem Tee um einen Gelben der ersten Machart handelt. Die Verfärbungen und das dunkle Blatt sollen durch einen schonenden Backprozess entstanden sein. Man lernt also nie aus!
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Fazit
Dieser Gelbe Tee hat auf ganzer Linie überzeugt und ich bin froh, dass ich schon vor der offiziellen Aufnahme einen Blick auf diesen Tee werfen durfte. Extrapunkte erhält er für seine Komplexität in Geschmack und Duft. Wenn ich den dritten Aufguss nicht vermasselt hätte, dann wären locker sieben bis acht Aufgüsse möglich gewesen, was ich sehr ordentlich finde. Gerne wieder!

Der Traum vom eigenen Teezimmer…

…ist eigentlich ein Traum vom eigenen Teehäuschen. Doch weil dieser Traum schwieriger zu realisieren ist, habe ich, um realistisch zu bleiben, immer von einem Teezimmer gesprochen. Manchmal auch von vier Teezimmern, wenn ich etwas übertreiben wollte, da malte ich mir aus, wie es wohl wäre ein englisches, ein japanisches, ein chinesisches und ein ganz persönliches Teezimmer zu haben, in dem ich alle meine Utensilien aufbewahren könnte.
Aber da ich bescheiden bin, würde mir (zunächst) ein Teezimmer reichen. An Weihnachten war nicht nur Weihnachten, sondern auch Geburtstag und Ostern zusammen. Meine liebe Frau muss wohl vom lieben Gott eine Eingebung erhalten haben, anders kann ich es mir nicht erklären, was an diesem Tag geschah. Sie kündigte an, ich erhielte mein Geschenk vor der Abfahrt nach Polen, weil es etwas größer sei, das Geschenk. Am Tag der Abfahrt habe ich Brötchen geholt und als ich wieder in der Wohnung war, habe ich zunächst nichts bemerkt. In der neuen Wohnung ist eine Ecke, mit der wir noch nicht viel anzufangen wussten. Als Frau P. meinte, ich solle mir die Ecke genauer anschauen, blieb ich eine ganze Weile wie erstarrt stehen und wusste nicht, was ich sagen sollte. Da lag auf dem Boden eine Tatami-Matte mit einem Geschenkband drumherum.

Chashitsu

Jetzt wird es Menschen wie den lieben Jan geben, die zynisch fragen, was an einer Tatami-Matte denn so toll sei, wenn man nur eine davon habe. Das Tolle an der Tatami-Matte ist nicht nur die Matte selbst, sondern die damit einhergehende Erlaubnis und Toleranz meiner Frau, eine Teeecke (oder doch lieber Tee-Ecke?) einzurichten. Und ich kann Euch sagen, dass es wirklich wunderbar ist, dort zu sitzen und in Ruhe einen Matcha oder einen anderen Tee zu genießen. Es ist ein Ort der Einkehr und der Entschleunigung. Kein Wunder, dass sich die alten Tee-Meister Japans Teehäuschen im Stile karger Einsiedlerhütten bauten, um eine geschützte Atmosphäre zu erzeugen und in Ruhe einfach nur Tee trinken zu können…

Endlich wieder Tee: Oolong aus Nordthailand

Wie einige vielleicht bemerkt haben, kam der Blog in letzter Zeit zu kurz. Das lag nicht daran, dass ich vom Tee die Schnauze voll hatte, ganz im Gegenteil, ich sehnte mich nach einer ruhigen Minute, in der ich die Muße habe, mich meiner Leidenschaft intensiv zu widmen. Aber eine Folge des Arbeitslebens ist, dass man für Hobbys weniger Zeit hat. Dabei habe ich das Glück berufsbedingt mehr Tee zu trinken als ich es jemals tat, nur ist das etwas komplett Anderes. Eine weitere Folge des Arbeitslebens ist, dass man weniger Zeit hat, bewusst Tee zu trinken. Und wenn ich schon die Gelegenheit habe, Tee zu trinken, dann muss er auch schmecken. Früher hatte ich morgens Zeit für zwei Tees, jetzt reicht es nur noch für einen. So habe ich mich dabei ertappt, dass ich die „suboptimalen“ nach und nach aussortiere – „das Leben ist zu kurz für schlechten Tee“, habe ich mal irgendwo gelesen und just in dem Moment ist mir wieder in den Sinn gekommen, wie wahr dieser Satz ist.

Erschwerend kam in den letzten Wochen hinzu, dass wir umgezogen sind. Endlich! Denn was ich hier nicht geschrieben habe, war, dass wir in unserer letzten Wohnung sehr unglücklich waren. Es war eine Wohnung aus den frühen 50ern und extrem hellhörig. Eine intime und geborgene Wohnatmosphäre ist vor allem seit unserem neuen Nachbarn und seinen ständigen abendlichen Besuchen nach und nach verloren gegangen, so dass ich mit der Unterschrift des Arbeitsvertrags auch gleich die Kündigung der Wohnung unterschrieben habe.
Jetzt sind wir also umgezogen und fast eingerichtet. Ein paar Kleinigkeiten fehlen leider noch, aber den größten Teil haben wir an den letzten Wochenenden nach und nach schaffen können. Heute ist der erste halbwegs freie Samstag, an dem ich wieder die Lust auf eine dokumentierte Einkehr zum Tee hatte. Die Sonne ist schon untergegangen und ich merke, dass es schwierig wird, bei diesen Lichtverhältnissen zu fotografieren.
Als ich Frau P. vorhin fragte, welchen Tee wir heute trinken sollen, kam wie aus der Pistole geschossen „Oolong-cha!“. Frau P. mag Oolong-cha sehr gerne, und wenn ich in der Vergangenheit die Frage gestellt habe, welchen Tee wir trinken sollen und sie mit „Oolong-cha!“ antwortete, habe ich sie immer auf den Zeitpunkt nach dem Umzug vertröstet, weil ich mir dafür lieber etwas mehr Zeit nehme, so wie heute.
Also Oolong, aber welchen? Eigentlich wäre jetzt die richtige Zeit für einen richtig schönen und würzigen dunklen Oolong, aber vielleicht gerade deswegen entscheide ich mich immer für das Gegenteil, um die Vorfreude auf solch einen Tee noch etwas hinauszuzögern und zu genießen. Klingt unlogisch? Ist auch so. Deswegen komme ich nie dazu, meine kostbarsten und interessantesten Tees zu trinken. Vielleicht möchte ich diese Tees auch einfach mit so vielen Menschen wie möglich teilen, wie z.B. im Januar, wenn zwei Teefreunde, die ich über Teetalk kennengelernt habe, zu Besuch kommen.
Ich mache also meine Teekiste auf und sehe zuerst eine kleine Teeprobe aus Thailand, die mir ein Freund von dort mitgebracht hat. Oolongs aus Thailand kenne ich durch Thomas Kasper schon ganz gut und wenn ich mich nicht täusche, dann müssten die Tees aus einem königlichen Projekt, die ich mitgebracht bekommen habe, sogar identisch mit jenen aus Thomas‘ Sortiment sein, oder?
Tee aus Nordthailand ist ein sehr spannendes Thema und ein schönes Beispiel dafür, dass eine Gesellschaft den Umstieg von Opium-Produktion auf Tee wirtschaftlich verkraften kann. Da diese Geschichte von Thomas sehr gut und anschaulich erzählt wird, möchte ich mich dazu nicht weiter äußern und stattdessen seine guten Artikel zu diesem Thema empfehlen.
Da ich Thai leider nicht lesen kann, weiß ich nicht wie der vorliegende Oolong heißt. Die Blätter sind zu dunkelgrünen Kügelchen gerollt. Der chinesische Trend, Oolongs wie den Tie Guan Yin immer grüner zu produzieren, ist also auch nach Thailand übergeschwappt. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich schon sage, dass die Parallelen eines modernen Tie Guan Yin zu dem jetzt getrunkenem Oolong erstaunlich sind!
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Der Duft der trockenen Blätter ist schön blumig wie blühende Sträucher und erinnert etwas an Akazienhonig. Etwas angewärmt vernimmt Frau P. auch einen Hauch von Grünkohl, diesem Eindruck kann ich zustimmen.
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Strahlendgelbe Tasse

Der Geschmack ist anfangs noch sehr verhalten. Leichte Süße, eine Spur Muskatnuss, insgesamt ein „grüner Geschmack“. Die späteren Aufgüsse werden aber würziger, manchmal schmecken wir eine leichte Vanille-Note, dann etwas Mandel, insgesamt ein sehr leicht zu genießender Tee, dem durch seine grüne Verarbeitung ein bisschen die Tiefe fehlt.

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Die typischen großen Blätter eines Oolong

 

Dafür hat der Tee etwas Anderes zu bieten: Ab dem sechsten Aufguss, dem Zeitpunkt, ab dem der Tee etwas dünner wird, zeigt sich ein Geschmack, den ich vielleicht als Tee-Geschmack bezeichnen könnte. Gero hat meines Wissens nach als erster die Theorie aufgestellt, dass alle Tees der Pflanze Camellia Sinensis einen gemeinsamen Tee-Geschmack aufweisen. Ich kann diese Theorie (noch) nicht ganz bestätigen, aber auch ich sehe Parallelen zwischen den verschiedenen Tees und der Geschmack, den ich mit dem „Tee-Geschmack“ assoziiere, ist (für mich) am deutlichsten bei grünen Oolongs ab dem sechsten Aufguss zu schmecken. Interessant sind auch die Meinungen anderer Teefreunde zu diesem Thema, z.B. im Teetalk-Forum.Fazit:
Ein schöner Oolong, der einem neben dem gefälligen Geschmack auch gleich ein gutes Gewissen macht. Man darf gespannt sein, was die Teebauern in Zukunft für Qualitäten produzieren. Besten Dank, lieber Jan! Wenn Du wieder da bist, laden wir Dich gerne auf eine Tasse ein!

Pu Erh: Mehr Fragen als Antworten

Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der gerne Neues probiert. Vielleicht ist das sogar eine große Schwäche, weil ich mich nie mit einem Tee zufrieden gebe. Bei einem wohlschmeckenden Tee stehenzubleiben, ist nicht mein Ding, stattdessen bin ich der Überzeugung, dass es noch so viel Unentdecktes gibt, dass der Tee von heute vom Tee von morgen übertroffen werden kann. Zwar gibt es einige Teesorten, auf die ich mich festgelegt habe, aber das sind ausschließlich Schwarztees. Bei Pu Erh hingegen bin ich noch fast ein unbeschriebenes Blatt. Es gibt einige Pu Erh, die mir geschmeckt haben. Dazu gehört z.B. ein ganz gewöhnlicher Jingmai aus dem Jahr 2010. Neben diesem Tee gab es allerdings eine ganze Reihe Pu Erh, die mir gezeigt haben, was ich nicht mag.

Dazu gehört ein zu intensives Tabakaroma gepaart mit Rauch. Mir als ehemaligem Raucher kommen dabei bereits beim ersten Spülen des Tees negative Assoziationen, wie z.B. das Abwaschen des Aschenbechers unter fließendem Wasser. Zum Glück soll zumindest der Rauch über die Jahre schwächer werden, doch ob der Tee je den Zustand erreicht, in dem er mir schmeckt, kann nur die Zeit bzw. meine Geduld beantworten.

Der Geschmack eines Pu Erh unterscheidet sich meiner Meinung nach eh komplett von dem seiner Verwandten wie z.B. Grün- oder Schwarztee. Der Geschmack und Duft der letztgenannten Sorten erinnern häufig an Aromen aus der Welt des Kulinarischen. Sicherlich gibt es dabei Ausnahmen, aber für mich ist es die Regel. Bei Pu Erh hingegen ist es genau andersherum. Es sind häufiger Aromen aus der Umwelt und das ist irritierend. So ertappe ich mich häufig dabei, wie ich auf der Suche nach der passenden Assoziation wie in einem Nebelfeld umherirre. Die Aromen, die ich für mich identifiziere, hören sich für unkundige Leser vielleicht noch irritierender an. Wer möchte schon auf einem Stück Leder herumkauen oder flüssiges Holz im Mund spüren. Waldboden, Moos oder der Geruch von alten Büchern – das alles mag abenteuerlich und zuweilen nostalgisch klingen, aber sind diese Aromen genießenswert? Zumal man für diesen Geschmack immer tiefer in die Tasche greifen muss, da Pu Erh auf dem chinesischen Markt immer stärker nachgefragt wird. Was macht den Genuss von Aromen aus, die eigentlich ungenießbar sind? Genießen wir, weil wir es können, weil es vielleicht sonst keiner tut und wir deswegen denken, wir würden etwas Besonderes tun? Zu dieser Frage hat Jinx eine gute Antwort für sich gefunden, die Neugier auf den Geschmack. Das kann ich bejahen, aber diese Fragen stehen für mich immer im Zusammenhang mit der Einsicht, dass Schwarztees oder Oolong solch exquisite Aromen exotischer Früchte enthalten können, dass der Genuss jener zumindest „authentisch“ und für Außenstehende nachvollziehbar ist. Frau P. hat da ihre eigene Meinung. Wenn ich sie Pu Erh kosten lasse, dann sagt sie immer, dass es zwar nicht schlecht rieche bzw. schmecke, nur halt nicht nach etwas Ess- bzw. Trinkbarem, weswegen sie ihm nichts abgewinnen könne.

Meine vorläufigen Antworten klingen daher eher nach Ausreden. Und überhaupt bereiten mir Pu Erh ganz andere, viel existenziellere Sorgen wie die der richtigen Zubereitung. Denn manchmal schmeckt mir ein hochdosierter Pu Erh, den man über 20 mal aufgießen kann, gar nicht. Das ist mir letztens aufgefallen, als ich einen Dayi zubereitet habe. Das Seltsame daran ist, dass er mir vorher geschmeckt hat. Liegt es an meiner Tagesform oder habe ich falsch dosiert? Dann bin ich dazu übergegangen den Tee, wie einen Schwarztee zu brühen: ein paar Blätter in die Gaiwan, kochendes Wasser drüber und nach drei Minuten abgegossen. Das Ergebnis war verblüffend und kaum wiederzuerkennen, denn der Aufguss schmeckte richtig fruchtig, fast wie ein Grüntee. Sollte ich jetzt alle so zubereiten oder einfach noch mehr experimentieren? Auch ein Versuch mit einem Ming Feng von Bannacha bestätigt meine Präferenz dieser Zubereitungsmethode bei jungen Pu Erh. Ist es vielleicht deswegen, weil junge Pu Erh konventionellen Grüntees ähneln wie Marshaln in seinem Blog beschreibt?

Wie ihr seht, werte Leser, entpuppt sich Pu Erh als eine große Herausforderung an mich selbst, an meine Sinne, an meinen Verstand und an meine Urteilskraft. Die Beschäftigung damit ist andererseits sehr fruchtbar, denn sie regt zum Nachdenken an. Und schließlich scheint Pu Erh, wie kein anderer Tee die Kraft zu haben, jemanden in seine Kindheit zurückzuversetzen und ihn an längst vergessene Begebenheiten zu erinnern. Diese Eigenschaft hat Gero letztens sehr gut auf den Punkt gebracht.

So bleibt Pu Erh für mich ein spannendes und forderndes Thema. Gerade weil der Genuss nicht unmittelbar erfolgt, hat er das Potenzial, ein tiefgründigeres Erlebnis zu erzeugen. Oder ist das alles nur Einbildung?