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Wie wurde Raku-Keramik ursprünglich hergestellt?

Raku-Keramik ist vielleicht die Keramik-Gattung, welche das höchste Ansehen bei japanischen Tee-Liebhabern genießt. Heutzutage versteht man unter Raku eine Brenntechnik, die sich durch niedrigere Brenntemperaturen auszeichnet.Bevor es losgeht, möchte ich auf ein paar Artikel aufmerksam machen, die diesem vorangehen:

Dieser Beitrag soll ein Einstieg ins Thema Raku sein, bei dem zunächst die Herstellung des traditionellen Raku des 16. und 17. Jahrhunderts beschrieben wird. Als Begründer der Raku-Keramik gilt der Töpfer Chôjirô, der in Kyôto als Dachziegeltöpfer arbeitete und chinesischer Abstammung war. Er produzierte äußerst schlichte Teeschalen und schaffte es, solche zu kreieren, die mit der japanischen Ästhetik und Tee-Zeremonie eng verknüpft sind. Der Raku-Betrieb wird heute von Raku Kichizaemon XV. geführt.

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Matcha in roter Raku-Schale (akaraku)

Chôjirôs Teeschalen bzw. die, die ihm zugeschrieben werden, erfreuen sich sogar heute noch sehr großer Beliebtheit. Obwohl als Original unbezahlbar, werden von Sasaki Shôraku Replika hergestellt, die den Vorbildern sehr nahe kommen. Shôraku demonstriert im folgenden Video, wie er Teeschalen herstellt.

Nachfolgend beschreibe ich, wie Raku ursprünglich hergestellt wurde. Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel meiner Magisterarbeit. Den Text habe ich angepasst und die Quellen entfernt. Wer an den Quellen interessiert ist, dem werde ich die Arbeit gerne zugänglich machen.

Ton
Zwar ist die Tonaufbereitung nicht historisch belegt, aber es gilt als sicher, dass sich Chôjirô unweit seiner Werkstatt an den Tonvorkommen, die sich unter Toyotomi Hideyoshis Schloss Jurakudai befanden, bediente. Aus diesem Grund nennt man auch heute noch den Ton Juraku-Ton (jurakutsuchi), der rötlich ist und einen hohen Eisengehalt aufweist. Dieser Ton wurde bei Ausgrabungen bereits mehrmals am ehemaligen Standort des Schlosses gefunden und genau dieser rötliche Scherben lässt sich bei Chôjirôs Werken nachweisen. An der Schale Ôguro kann man feststellen, dass sich unter der abgesplitterten Glasur ein roter Scherben, der auf den Juraku-Ton hinweist, befindet. Während bei Chôjirôs Werken der rötliche Ton zum Einsatz kam, ist aus der Brief-Korrespondenz zwischen Kobori Enshû (1579–1647) und der Raku-Werkstatt ersichtlich, dass zumindest später auch weißer Ton verwendet wurde.

Wie der Ton letztlich verarbeitet wurde, ist zwar nicht überliefert, aber der Brennprozess insbesondere bei schwarzem Raku stellte hohe Ansprüche an die Mischung des Tons. Die glühend heiße Schale wird während des Brennprozesses mit Zangen aus dem Ofen geholt. Dieser Temperatur-Schock führte zu einer physikalischen Spannung, der zu Fehlern und Rissbildungen führen konnte.

Formgebung
Der Freihand-Technik (tezukune) folgend, wird der Ton in die gewünschte Form geknetet. In der Momoyama-Zeit war bereits die Produktion mit der Töpferscheibe üblich und Chôjirôs Technik wirkt so zunächst etwas rückständig, weil die Produktionsmenge niedriger ausfällt und die Objekte nicht einheitlich produziert werden konnten. Raku Kichizaemon XV. zufolge wird zuerst eine dicke runde Fläche gewälzt, die dann auf ein rundes Holzbrett gelegt wird. Der Rand wird nun mit beiden Händen gemächlich nach innen gezogen und aufgerichtet. Auf diese Weise wird die Schale in die Form gebracht, in der sie später mit beiden Händen umschlossen werden soll. Die unfertige Teeschale ist dick und schwer. Auch der typische Standring (kôdai) fehlt und der Lippenrand (kuchizukuri), sowie der Innenteil (mikomi) sind noch nicht ausgestaltet. Diese Arbeitsschritte benötigen spezielle Hilfsmittel und einige Tage Zeit. Wenn der Ton etwas angetrocknet ist, kann er mit einem Spachtel abgehobelt werden. Weil dies von Hand geschieht, nimmt dieser Prozess viel Zeit in Anspruch. Für die verschiedenen Partien sind auch verschieden große Hobel nötig. Mit diesen Geräten werden die einzelnen Teile in Form gebracht und der kôdai (Fußring) heraus geschnitzt.




Glasur
Auffällig bei den Teeschalen, die Chôjirô zugeordnet werden, ist, dass keine von ihnen ein Dekor oder eine Verzierung aufweist. Die Schalen sind einfarbig in den Farben Rot und Schwarz. Anders als bei akaraku (rotes Raku) trägt bei den schwarzen Schalen die Glasur selbst zur Färbung bei (heute ist das bei akaraku anders, es gibt eine rote Glasur, die den weißen Tonkörper bedeckt). Die schwarze Glasur besteht aus einem Gemisch, das sich aus einer Bleifritte und pulverisierten Steinchen, den sogenannten kamogawa-ishi, die im Fluss Kamo vorkommen, zusammensetzt. In diesen Steinchen befinden sich Kieselsäure und Eisen. Laut Tyler und Hirsch erscheine das Schwarz „als Resultat eines plötzlichen Erstarrens des Eisens im Stein […]“. Eine überlieferte Rezeptur gibt es laut Raku Kichizaemon nicht:  Insbesondere im Haus Raku werden die (Glasur-)Mischungen von den einzelnen Personen der aufeinander folgenden Generationen individuell erschaffen und es ist Familienkodex, diese nicht an die Nachkommen weiterzugeben.
Im Gegensatz zu den großen Töpferregionen jener Zeit, in denen hauptsächlich große Freiluft-Öfen wie der ôgama (wörtlich: Großofen) und noborigama (Hangofen) zum Einsatz kamen, setzte man im Raku-Töpferbetrieb in Kyôto auf einen kleinen Ofen, den uchigama (wörtlich: Innenofen). Dieser Ofen war so klein, dass darin nur eine einzige RakuTeeschale Platz fand.

Öfen
Die heute verwendeten Öfen wurden erst nach dem Großbrand in Kyôto im Jahre 1787 gebaut, allerdings geht man davon aus, dass sich an den Öfen nichts Grundlegendes geändert habe. Grundsätzlich sind heute aufgrund der unterschiedlichen Brennmethoden für schwarzes und andersfarbiges Raku drei verschiedene Öfen im Einsatz. Für schwarzes Raku wird ein Zwei-Kammer-Ofen verwendet, in dessen Inneren nur eine Teeschale passt. Diese Kammer ist umgeben von einem Zwischenraum, in den Kohle gefüllt wird. Eine zweite Kammer trennt diesen Bereich von der Umwelt ab und verfügt über eine Leitung, die zu einem Blasebalg führt, mittels dessen Luft zugeführt wird.

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Schwarze Raku-Schale von Sasaki Shôraku; Kitanoguro

Brennprozess 
Mit dem Blasebalg konnte die Brenntemperatur in kürzester Zeit auf ein hohes Niveau gebracht werden. Sobald die Glasur geschmolzen war, wurde die Teeschale während des Brennprozesses in glühender Form mit Zangen herausgeholt, was eine rapide Abkühlung zur Folge hatte. Diese Methode wurde auch in den Mino-Öfen bei Seto-guro angewendet und bewirkte, dass die Schale durch die schnelle Abkühlung schwarz wurde. Daher wird diese Methode hikidashiguro (sinngemäß: schwarz durch vorzeitiges Herausnehmen) genannt. Die These von Tyler und Hirsch, dass für die rapide Abkühlung die Schale zusätzlich in kühles Wasser eingetaucht werde, konnte für diese Zeit nicht verifiziert werden. Zwar beträgt heute die Brenntemperatur für schwarzes Raku 1200– 1250°C, aber weil der Brennprozess nur von kurzer Dauer ist, behält die Schale die weiche Qualität. Raku räumt allerdings selbst ein: Es wird angenommen, dass [zu Chôjirôs Zeit] mit einer etwas niedrigeren Brenntemperatur gebrannt wurde, als man es gegenwärtig tut.
Raku Kichizaemon stellt außerdem fest, dass sich die Glasur der ersten beiden Generationen und der dritten Generation Dônyû (1599–1656) so sehr unterscheiden, dass er eine Ofen-Umgestaltung unter Dônyû vermutet, die eine höhere Temperatur möglich machte.

Schlussbemerkung
Wie bereits geschrieben sind Chôjirôs Teeschalen praktisch unbezahlbar. Wer sich mit einer Raku-Schale aus den Händen des jetzigen Erben begnügen kann, der muss Stand heute „nur“ 69.000 Euro investieren.

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