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Ein Zweig der Raku-Keramik: Ôhi-yaki

Raku gehört neben Hagi und Karatsu zu den drei populärsten Keramiken in der japanischen Teezeremonie. Raku hat seinen Ursprung im Kyôto des 16. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert später hatte sich ein Zweig der Raku-Keramik in der Nähe von Kanazawa gebildet. In der Ortschaft Ôhi, die heute in Kanazawa liegt, befinden sich die Tonvorkommen, die Ôhi-yaki den Namen verleihen.

Wie alles begann

Sen Sôshitsu IV. war ein direkter Nachfahre von Sen Rikyû (1522-1591), dem bekanntesten Teemeister Japans und versuchte die Lehren seines Ur-Großvaters zu bewahren. Sôshitsu diente dem Maeda-Clan viele Jahre als Teemeister und lebte daher lange Zeit in Kanazawa. Im Jahre 1666 lud der Daimyô Maeda Toshitsuna Sen Sôshitsu IV. (auch Sensô Sôshitsu, 1622-1697) nach Kanazawa ein, um einen eigenen Tee-Stil zu entwickeln. Bei dieser Gelegenheit brachte Sôshitsu IV. den Raku-Töpfer Chôzaemon Hodoan (1630-1712) mit, da dieser exklusiv für den Maeda-Clan Utensilien für die Teezeremonie herstellen sollte.

Der Name Ôhi

Hodoan suchte zunächst nach Tonvorkommen. Direkt vor Kanazawa in der Ortschaft Ôhi fand er geeignetes Tonmaterial. Fortan nannte er sich Ôhi Chôzaemon und die Keramik wurde schließlich Ôhi-yaki getauft.

Ôhi-yaki
Ôhi-yaki mit Bernsteinglasur
Ôhi-yaki
Ôhi-yaki Siegel

Das Markenzeichen

Es heißt, dass Hodoan von seinem Lehrmeister Ichinyû (Raku Kichizaemon IV.) die Rezeptur der transparenten Bernsteinglasur (ame-yû) gezeigt bekam, die er fortan exklusiv für Ôhi-yaki verwenden sollte. Obwohl weiße und schwarze Glasuren durch Ôhi Chôzaemon IV. (1758-1839) und Ôhi Chôzaemon V. (1799-1856) in die Palette aufgenommen wurden, bleibt die Bernsteinglasur bis heute repräsentativ für diese Keramikgattung.

Ôhi-yaki
Ôhi-yaki

Die Herstellung

Genau wie Raku wird auch Ôhi-Keramik nicht auf der Töpferscheibe gedreht. Die Chawan wird per Hand aufgebaut (siehe Raku-Herstellung). Die verschiedenen Glasuren haben hinsichtlich des Brandes unterschiedliche Anforderungen, daher kann die Temperatur zwischen 950 und 1200°C liegen. Auch diese Teeschalen werden glühend aus dem Ofen genommen, damit sie rasch abkühlen können.

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Raku im Ôhi-Stil

Ôhi-yaki heute

Die traditionelle Ôhi-Familie wird heute in der 10. Generation durch Ôhi Chôzaemon (geb. 1927) vertreten, der noch immer Teeschalen in den Farben Weiß, Schwarz und Bernstein herstellt. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Dekortechniken wie Aufglasurmalereien und Ritzdekore in das Spektrum eingeführt. Dementsprechend vielfältig kann Ôhi-yaki heutzutage aussehen. Eine Übersicht über die Repräsentanten der Ôhi-Familie findest du hier.

Neben der Ôhi-Familie gibt es noch drei weitere Öfen in Kanazawa, die Ôhi-Keramik herstellen. Die für Ôhi typische Bernsteinglasur wird mittlerweile auch von Raku-Keramikern in Kyôto verwendet.

Einkehr zum Tee

Die Teezubereitung kann je nach Zubereitungsweise viele kleine Schritte enthalten. Mit der richtigen inneren Einstellung oder der Methode der Achtsamkeit können wir abtauchen, den Alltag abstreifen, uns auf den Augenblick konzentrieren und uns voll und ganz einer Sache widmen. Diese Methode wird sogar von Therapeuten und Psychologen verwendet, um Menschen zu helfen, die Schwierigkeiten haben, ihre Vergangenheit zu überwinden.

Als ich von meinem Schwiegervater von dieser Methode gehört habe, habe ich Parallelen zu meinem Teeritual entdeckt. Mehr noch, ich habe mich von den Grundsätzen inspirieren lassen und auf mein Teeritual übertragen. Das Ritual ist kein esoterischer Hokuspokus, ich nenne es so, weil es einem festen Schema folgt und daher eine ritualisierte Abfolge ist.

Bei dieser „Einkehr zum Tee“ geht es um die Absicht, dem Tee und allen Dingen, die mit der Zubereitung und dem Genuss zusammenhängen, volle Aufmerksamkeit zu widmen. Wertungen jeglicher Art sollten dabei vermieden werden. Es geht um den jetzigen, einzigartigen Moment, der nie wieder kommt, denn eine Wertung ist auch immer ein Vergleich mit zuvor erfahrenen Tees. Wenn du also mit der Methode der Achtsamkeit im „Hier und Jetzt“ verweilen möchtest, dann wird es dir wahrscheinlich einfacher fallen, wenn du den Tee nimmst wie er ist und auf Wertungen verzichtest. Dieses „Loslassen“ führt bei mir zu einem bewussteren Erlebnis und Entspannung.

Gerne werde ich nun im Folgenden erklären, wie ich dabei vorgehe und freue mich, wenn du dich dafür interessierst.

Der Sinn dahinter

Ziele allgemeingültig zu definieren, versuche ich eigentlich zu vermeiden, da Menschen zu unterschiedlich sind, um den Bedürfnissen eines jeden Menschen gerecht zu werden. Deshalb beschreibe ich an dieser Stelle meinen ganz eigenen Zugang zum Tee, dem vielleicht auch du etwas abgewinnen kannst.

Wir leben in einer Welt, in der die Effizienz durch technische Errungenschaften immer weiter gesteigert wird. Telefon, Handy, Internet, Soziale Netzwerke, Autos und Flugzeuge – all das sind technische Errungenschaften, die es uns erlauben, Zeit zu sparen oder wann immer wir möchten, zu kommunizieren. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns dadurch vom eigentlichen Leben entfremden, da es „von Natur aus“ viel langsamer abläuft. Daher bemühe ich mich darum, in hektischen Phasen des Lebens bewusst zu entschleunigen, absichtlich auf die Bremse zu treten und mich einer Sache voll und ganz zu widmen.

Dabei kann ich etwas herbeiführen, was zutiefst befriedigend und entspannend sein kann. Oft sind es gerade die einfachen Dinge, die sich besonders gut dazu eignen, bewusst aus dem Alltag auszubrechen und einen erholsamen Kurzurlaub zu erleben. Ich gehe in unserem Park gerne spazieren, höre auf den Klang der Natur (Vögel, Rauschen der Blätter, Insekten), betrachte die Rinde der Bäume, die Blüten und Früchte von Pflanzen, atme die Luft ein und nehme kleinste Veränderungen wahr. Das Leben ist schön und von sich aus erfüllend.

Das geht auch mit Tee

Das eigene Teeritual kann ebenso erholsam sein wie ein Kurzurlaub. Ich verbringe die Zeit in unserer Teeecke und versuche alle Aspekte zu erfassen. Ich verweile in der Gegenwart, in diesem unwiederholbaren Moment und schaue, was passiert. Die Einkehr fängt bereits mit der Auswahl der Utensilien an.

Die Utensilien

Egal ob es der bedeutsame Lieblingsbecher oder eine Tasse eines Künstlers ist – auch Utensilien sind bedeutsam. Ihre Haptik und ihre Form drücken die Persönlichkeit des Urhebers aus. Vor allem unglasierte und natürlich glasierte Keramikschalen haben wegen ihres einzigartigen Charakters einen speziellen Reiz, der bei der Einkehr zum Tee zum Tragen kommt. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Utensilien vom Teelöffel bis hin zum Wasserkocher. Sie erzeugen durch ihre pure Präsenz eine Atmosphäre, die Teil des Erlebnisses ist.

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Die Teezubereitung

Die Teezubereitung ist zwar keine Raketenwissenschaft, funktioniert aber auch nicht auf Knopfdruck. Und das ist auch gut so. Wenn ich Tee zubereite, dann tue ich mir selbst etwas Gutes, verbringe Zeit mit mir selbst (gegebenenfalls mit meinen Gästen), ich kann mich auf den jeweiligen Schritt konzentrieren und dem Rascheln der Blätter zuhören, wenn ich sie mit dem Löffel aufnehme. Wie riechen die Blätter trocken und wie in einem vorgewärmten Brühgefäß? Wie unterscheidet sich ein Tee von einem Aufguss zum nächsten. Wie riechen die nassen Blätter nach dem Abgießen? Wie verändert sich die Aufgussfarbe? Was kann ich schmecken und wie lange verbleibt der Geschmack im Mund. Der Mensch hat diese Sinne geschenkt bekommen, es wäre bedauerlich, sie nicht zu nutzen.

Zur Ruhe kommen
Zur Ruhe kommen

Wie Entspannung wirkt

Allein der Umstand, dass ich mich für einen gewissen Zeitraum nur mit einer Sache beschäftige, führt dazu, dass ich mich entspanne. Es tut unheimlich gut, nicht immer wieder abgelenkt zu werden, die eigene Aufmerksamkeit nicht innerhalb kürzester Zeit auf etwas Neues zu richten und sich so von Erlebnis zu Erlebnis zu hetzen. Eine Einkehr zum Tee hat für mich etwas von einer imaginären Einsiedelei, in der ich mich in Abgeschiedenheit von der Außenwelt meines Lebens erfreue.

Was machst du, um dich zu entspannen?

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Der Ursprung von Raku aus Sicht der westlichen Wissenschaft

Willkommen zum vorerst letzten Teil der Artikelserie „Historisches Raku“. In den Blogartikeln zuvor habe ich mich bereits mit den Eigenheiten, der Herstellung und der Geschichte aus japanischer Sicht auseinandergesetzt. Solltest du diese Artikel noch nicht gelesen haben, könnte es nützlich sein, zunächst mit diesen anzufangen.Bevor ich die wissenschaftliche Perspektive aufgreife, ist es nötig, einen Blick auf die japanische Geschichtsschreibung zu werfen.

Wer schreibt die Teegeschichte in Japan?
Die japanische Teegeschichte speist sich aus vielen Erzählungen, Geheimschriften, Mythen und Manuskripten. Bis ins 17. Jahrhundert war die Teekultur dynamisch und keinesfalls so linear, wie sie heute dargestellt wird. Erst mit der Anerkennung der Autorität der Sen-Schulen im späteren Verlauf der Geschichte, wurde die Teegeschichte so geschrieben, wie wir sie heute kennen. Sie ist linear und endet quasi bei Sen no Rikyû, dem großen Teemeister Japans, der heute als Begründer des japanischen Tee-Wegs gilt. Die Sen-Schulen, gegründet durch die Enkel Rikyûs, reichen seine Lehren weiter und haben die Deutungshoheit, weil sie die mächtigste Institution auf diesem Gebiet sind und sich viele Quellen in ihrem Besitz befinden. Die Historiker, die sich mit der Teegeschichte auseinandersetzen, arbeiten häufig mit den Sen-Schulen zusammen und lassen sich von Ihnen beraten. Nicht zuletzt Sen Shôshitsu selbst schreibt regelmäßig Bücher und Artikel zu diesem Thema,

Problematische Quellen
Rikyû war sicherlich ein großer Teemeister und er hatte viele Schüler und einflussreiche Begegnungen. Weil er zu Lebzeiten eine sehr hohe Autorität genoss, gibt es zwar viele Berichte und Schriften, die auf ihn Bezug nehmen, aber keine einzige Teeschrift von ihm selbst verfasst, in der er seinen Teeweg erklärt. Da solche Originalquellen fehlen, müssen sich die Sen-Schulen aber auch die Wissenschaft mit Quellen aus zweiter oder gar dritter Hand begnügen. Und hier fängt das Problem schon an. Welcher Quelle kann ich vertrauen? Die Wissenschaft hat im Westen lange Zeit nur das nachgeplappert, was japanische Autoren zu diesem Thema zu sagen hatten. Und das ist im Großen und Ganzen der Standpunkt der Sen-Schulen.

Der Paradigmenwechsel
Erst Morgan Pitelka (2005) untersuchte mit seinem Werk „Handmade Culture“ die Entstehungsgeschichte des Hauses Raku, die angeblichen Zusammenhänge von Sen no Rikyû und die zahlreichen Mythen und legte die Schwächen dieser Behauptungen offen. Ferner konnte er zeigen, dass es neben Chôjirô noch andere Töpfer gab, die ganz ähnliche Keramiken herstellten, die erst durch Funde in den letzten beiden Jahrzehnten von der Forschung berücksichtigt werden konnten. Ich folge seiner Argumentation und gebe kurz die wesentlichen Argumente wieder.

Es gibt keine stichfesten Quellen
Im letzten Artikel habe ich bereits den japanischen Standpunkt wiedergegeben, nach dem Rikyû Chôjirô beauftragt habe, die ersten Teeschalen herzustellen. Wenn das wirklich der Fall gewesen sein sollte, würde es Rikyû zum geistigen Vater dieser Keramikgattung machen. Doch obwohl diese Verbindung zwischen Rikyû und Chôjirô in Japan als unumstößlich gilt, gibt es keine einzige zeitgenössische Quelle, nicht mal einen Brief, der einen Zusammenhang zwischen Rikyû und Chôjirô herstellt. Raku-Keramik gibt es vermutlich schon seit den 1570ern, Rikyû ist erst 1591 gestorben. Es ist schwer vorstellbar, dass in dieser langen Zeit keine Geheimschrift, kein Teeprotokoll und kein Brief die Urheberschaft von Rikyû erwähnt.
Das Nanbôroku z.B., auf welches sich gerne berufen wird, enthält ein Tee-Protokoll, in dem Rikyû ein Frischwassergefäß und eine Räucherwerkdose von Chôjirô benutzt habe. Dieses Teeprotokoll ist allerdings nur in dem Nanbôroku enthalten, welches erst 100 Jahre nach dem Tod Rikyûs „entdeckt“ wurde.

Es gibt zu viele Raku-Teeschalen
Das Zentrum der japanischen Teekultur war zweifellos Kyôto und die damalige Hafenstadt Sakai, die heute ein Teil von Ôsaka ist und nicht weit entfernt von Kyôto liegt. In beiden Städten wird viel gebaut und immer wieder werden bei Bauarbeiten verschiedene Dinge ausgehoben, die in frühere Epochen fallen. Heute weiß man, dass es nicht nur den einen Raku-Betrieb gegeben haben kann. Die gefundenen Teeschalen sind einfach zu zahlreich, um nur von einem Betrieb hergestellt worden sein zu können. Dafür ist Raku zeitlich zu aufwendig und der Ofen viel zu klein. Eine Massenproduktion ist unmöglich.

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Dies ist eine Nachbildung einer historischen Raku-Teeschale

Die Raku-Teeschalen fallen zu unterschiedlich aus
Zwar sagt man heute, dass Raku-Teeschalen nicht auf der Töpferscheibe geformt wurden, doch archäologische Funde belegen, dass einige durchaus auf diese Weise entstanden sind. Und obwohl die Raku-Familie felsenfest behauptet, dass ihre Teeschalen schon immer nur freihändig hergestellt wurden, sieht Pitelka, der ebenfalls ein erfahrener Töpfer ist, zumindest bei einigen frühen Stücken, die Chôjirô zugeschrieben werden, Merkmale eines Töpferscheibeneinsatzes.
Heute versucht die Raku-Familie immer noch, aus dem alten Fundus eine „Handschrift“ Chôjirôs zu rekonstruieren. Pitelka ist da weitaus kritischer und sieht in der Vielfalt einen deutlichen Hinweis darauf, dass nicht alle Teeschalen von einer einzigen Person stammen können.

Die Sache mit den Tee-Protokollen
Im letzten Blog habe ich erwähnt, dass es auch authentische Tee-Protokolle gab. In zwei Protokollen hat Rikyû eine schwarze Teeschale eingesetzt. Als man Jahrhunderte später anfing, die Teegeschichte zu schreiben, hat sich die Raku-Familie als einzige mit dieser Art der Teeschalen durchgesetzt und andere Betriebe haben aufgehört zu produzieren und sind in Vergessenheit geraten. Rückwirkend hat man daher angenommen, dass als schwarze Teeschalen nur die von Chôjirô aus dieser Zeit gemeint sein können. Es gab zwar noch die schwarzen Teeschalen aus Mino, die damals Seto genannt wurden (heute Seto-guro), aber da Seto in Teeprotokollen üblicherweise namentlich benannt wurde (die Teemeister wussten den Ursprung häufig zu unterscheiden), ging man davon aus, dass mit diesen Teeschalen Raku gemeint sei und übersah dabei aus Unwissenheit, dass es noch andere Töpfer gab, die diese Art von Teeschalen herstellten.

Doch so einfach ist das nicht. An dieser Stelle taucht nämlich der Begriff imayaki auf. Das bedeutet so viel wie „zeitgenössische Keramik“. Die aufkeimende Tee-Kultur hatte eine starke Nachfrage nach Tee-Utensilien ausgelöst und in vielen verschiedenen Töpferorten wurden Teeschalen gebrannt, die alle in diese Kategorie fielen. Nur weil die Teeschale schwarz war, heißt es also noch lange nicht, dass sie auch von Chôjirô getöpfert wurde. Die Schale kann genauso gut von einem anderen Töpfer aus Sakai gemacht worden sein oder auch aus Mino stammen.

Ein weiteres Protokoll erwähnt eine Teeschale mit dem Namen Kimamori (Hüter des Baums). Interessanterweise befindet sich eine Raku-Schale mit diesem Namen noch heute in Familienbesitz der Raku-Familie. Der Nachweis ist die dazugehörige Holzschachtel, die diesen Namen trägt. Die Handschrift soll die von Rikyû sein. Das Problem dabei ist nur, dass man nicht prüfen kann, seit wann diese Schachtel existiert, ob die Handschrift echt ist und ob Kimamori nicht vielleicht ursprünglich eine ganz andere Teeschale war, als die, die bis heute tradiert wird. Zudem wurde erst Jahrzehnte später durch den Enkelsohn Rikyûs die Handschrift als echt befunden.

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Die Holzschachtel (tomobako) gehört zu der oben gezeigten Teeschale

Holzschachteln liefern keine Beweise
Es gibt weitere Utensilien, deren Name, Hersteller und Vorbesitzer auf den dazugehörigen Holzschachteln dokumentiert wurden. Vor allem nach dem Tod Rikyûs tauchten viele Utensilien auf, von denen die Besitzer behaupteten, dass sie einst Rikyû gehörten. Dieser Boom hatte einen materiellen Grund, denn Rikyûs Utensilien waren sehr gefragt. Das positive Urteil eines bedeutenden Teemeisters hatte einen sehr großen Einfluss auf den Wert eines Utensils. Diese Tatsache ist sehr gut dokumentiert. Nach dem Tod von Rikyû behaupteten viele Teepraktizierende, dass ihre Utensilien einst Rikyû gehörten. Nachprüfen lies sich die Behauptung nicht mehr so leicht und die beschrifteten Holzschachteln halfen dabei, die Behauptung zu untermauern.

Fazit
Dank Morgan Pitelkas kritischer Herangehensweise ist man zu neuen Erkenntnissen gelangt. Wer sich ernster mit dieser Thematik auseinandersetzen möchte, sollte unbedingt seine beiden Bücher lesen (Quellenangaben findet ihr oben unter Buchempfehlungen). Geht es nach ihm, ist Raku eine Reaktion auf die gestiegene Nachfrage nach unterschiedlichen Tee-Utensilien.

Interessanterweise hat Pitelkas Ansatz kein nennenswertes Echo in Japan verursacht. Es mag daran liegen, dass sowohl die Sen-Schulen als auch die Raku-Familie von der Legende zu sehr profitieren, als dass sie ernsthaftes Interesse daran hätten, diese zu hinterfragen. Denn Raku ist die einzige Keramikgattung, die sich in Japan auf einen namhaften Teemeister berufen kann (bei Oribe ist das anders!). Davon profitiert die Familie noch heute durch eine enge Verzweigung mit den Sen-Schulen. Und die Sen-Schulen malen ein glorreiches Bild ihres Urahnen, dessen Genialität sich in den selbst entworfenen Raku-Schalen widerspiegelt. So bleibt in Japan vorerst alles beim Alten und wir dürfen selbst entscheiden, welcher Version der Geschichte wir lieber vertrauen mögen.

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Was ist historisches Raku aus japanischer Sicht?

Heute widme ich mich wieder dem Thema Raku. Die Frage nach der Herkunft von Raku ist spannend und es gib in Japan verschiedene Versionen der Entstehungsgeschichte. Ich halte mich an die in Japan übliche Version. Neueinsteigern möchte ich die beiden vorausgegangenen Artikel ans Herz legen:

Wenn man Artikel oder gar Bücher über den japanischen Teeweg (chadô 茶道) liest, dann stößt man unweigerlich auf den mutmaßlichen Begründer bzw. Vollender des Teewegs, Sen no Rikyû (1522–1592). Rikyû, der aus Sakai stammte, gilt heute als bedeutendster Teemeister in der japanischen Geschichte. Es ist kein Zufall, dass Rikyûs Stellung hervorgehoben wird, denn die bedeutenden Teeschulen Japans, die sogenannten „Drei Sen-Schulen“ (san-senke) berufen sich auf seine Lehren und beziehen daraus ihre Legitimität und Authentizität.

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Wer war eigentlich Sen no Rikyû?
Rikyû ging aus einer wohlhabenden Familie hervor, die im Fischgroßhandel tätig war. Er hinterließ keine Tagebücher oder schriftlichen Anweisungen über seinen Teestil. Von Rikyû ist aber bekannt, dass er sowohl den shoin-Tee* der Aristokratie und des Kriegeradels als auch den sôan-Tee* praktizierte, der zu dieser Zeit bereits als wabi-Tee* bezeichnet wurde. Drei Teeschulen berufen sich auf Rikyû, wurden aber erst von späten Nachfahren im 17. Jahrhundert gegründet. Zu ihnen gehören die Urasenke, die den rustikalen wabi-Tee, die Omotesenke, die den shoin-Tee tradieren, und die Mushakôjisenke. Rikyû, der u.a. unter Takeno Jôô Tee lernte, erreichte als Teemeister eine besondere Bedeutung unter den Regenten Oda Nobunaga (1534–1582) und Toyotomi Hideyoshi (1537–1598). Seine Aktivitäten und Geräte-Expertise sind teilweise in den Teetagebüchern und Aufzeichnungen seiner Anhänger dokumentiert. Eine wichtige Quelle für das Verständnis von Tee-Konventionen ist das Yamanoue Sôji-ki, dessen Verfasser Yamanoue Sôji selbst Schüler von Rikyû war und als ein großer Verfechter seiner Lehren gilt. In Anlehnung an Jôô und Rikyû werden darin Regeln für Teemeister formuliert und Rikyûs Radikalisierung des wabi-Tees am Beispiel eines sehr kleinen Anderthalb-Tatami-Teeraums beschrieben. Trotz dieser Quellen ist die Quellenlage problematisch, da die Korrektheit der Überlieferungen nie garantiert werden kann. Aus diesem Grund sind auch spätere Aufzeichnungen und Anekdoten, in denen Rikyû zitiert wird, stets als kritisch zu bewerten.

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Ihôan – japanisches Teehaus in Kyôto auf dem Gelände des Kôdai-ji

*Der shoin-Tee bezeichnet den „Tee im Studierzimmer“. Bei diesem Stil wurden ausschließlich kostbare Utensilien aus China verwendet. Der sôan-Tee hingegen wurde in einem schlichten Teehaus abgehalten. Das Teehaus wird einer idealisierten Einsiedlerklause nachempfunden. In diesem Modus wurden neben chinesischen auch japanische und koreanische Utensilien verwendet.

Schöpfungsmythos der Raku-Keramik
In der japanischen Literatur und chadô-Forschung besteht bis in die jüngste Zeit weitreichende Einigkeit darüber, dass Chôjirô, eigentlich ein Dachziegelbrenner chinesischer Abstammung, diese Keramik nicht allein, sondern unter Anleitung des großen Teemeisters der japanischen Tee-Geschichte, Sen no Rikyû, angefertigt hat. Gestützt wird diese Ansicht durch das eigene Verständnis der Raku-Töpfer über ihre tradierte Herkunft und die Einigkeit über die Entstehung der Raku-Keramik mit den Drei Sen-Schulen. Es gibt zahlreiche Publikationen, in denen diese Verbindung zwischen Rikyû und Chôjirô immer wieder behauptet wird und so verwundert es nicht, dass diese Entstehungslegende in westliche Literatur Einzug gehalten hat.

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Rotes Raku

Der japanischen Tee-Geschichte folgend soll Rikyû auf der Suche nach einer schlichten dekorlosen Teeschale auf den Dachziegeltöpfer Chôjirô, der am Bau des Schlosses Jurakudai mitarbeitete, gestoßen sein und sein Talent erkannt haben. Er beauftragte Chôjirô mit der Herstellung von roten und schwarzen Teeschalen, die später der Mittelpunkt der Raku-Tradition werden sollten. Darüber hinaus soll Chôjirô von Toyotomi Hideyoshi eine Auszeichnung mit der Aufschrift tenka ichi (der Weltbeste) für die hervorragende Qualität seiner Teeschalen erhalten haben, obwohl auch Versionen dieser Geschichte existieren, nach denen Hideyoshi Chôjirôs schlichte Teeschalen wenig schätzte. Für all diese Anekdoten gibt es keine historischen Belege. Heute geht auch Raku Kichizaemon XV. davon aus, dass das Raku-Siegel, welches als Signatur auf die Teeschalen gedrückt wird, nicht von Hideyoshi verliehen wurde, sondern das Siegel dazu benutzt wurde, um die hauseigenen Teeschalen von denen der Mitbewerber besser unterscheidbar zu machen.

Historische Quellen, die eine Brücke von Chôjirô bis Rikyû darstellen, sind die Teeschrift Nanbôroku und das sogenannte chakaiki. Als chakaiki werden Teeprotokolle bezeichnet, in denen verschiedene Angaben zu einer Tee-Zusammenkunft dokumentiert sind. Dazu gehören die Gäste, die dargereichten Speisen, konkrete Abläufe und verwendete Tee-Utensilien.

Im Falle des Nanbôroku handelt es sich vermutlich um eine Aufzeichnung eines Zen-Mönches namens Nanbô Sôkei (Lebensdaten unbekannt) aus dem Nanshûji. Diese gilt innerhalb des Tee-Kanons als eine der umstrittensten Schriften. In dieser Schrift sind zwei Tee-Protokolle von Rikyû enthalten, wovon eines ein Frischwassergefäß und ein weiteres eine Räucherwerkdose von Chôjirô erwähnt. Die Glaubwürdigkeit dieses Dokuments steht in einem zweifelhaftem Licht, weil es erst 1690 – ca. 100 Jahre nach Rikyûs Tod – „entdeckt“ wurde und einige darin enthaltene Informationen stehen im Widerspruch zu Informationen aus vertraulicheren Quellen.

Aber auch außerhalb vom Nanbôroku lassen sich aus japanischer Sicht Hinweise für Rikyû als Urheber der Raku-Keramik finden. Es gibt drei überlieferte Tee-Protokolle, deren Echtheit unbestritten ist. In zwei Protokollen mit Rikyû als Gastgeber wurde jeweils eine schwarze Teeschale vermerkt. Da es damals nur wenige schwarze Teeschalen gab und für die bereits Bekannten Namen existierten, geht man bis heute davon aus, dass mit dieser Bezeichnung nur Raku gemeint sein kann. Das dritte Protokoll erwähnt eine Teeschale mit dem Namen Kimamori. Diese Teeschale sei von Rikyû an seine Nachkommen weitergegeben worden und soll heute ein wichtiger Schatz der Familie sein.

Ein weiterer Hinweis ist die sôeki-gata chawan (Teeschale in Sôeki-Form).* Diese taucht im Jahre 1586 in einem Protokoll von Matsuya Hisamasa (?–1598) bei einer Tee-Veranstaltung eines Beamten aus Nara auf. Der Begriff deutet eine Verbindung zu Rikyû zwar an, kann aber nicht eindeutig interpretiert werden. Tee-Forscher gingen seit Langem davon aus, dass es sich bei dieser Form um eine von Chôjirôs Schalen handeln müsse und diese Rikyûs Geschmack entsprochen haben soll.

*Sôeki ist der damalige Name von Sen no Rikyû.

Neben diesen Hinweisen gibt es sogenannte hakogaki (Inschriften von Holzschachteln), die belegen sollen, dass Rikyû eine Vielzahl dieser Schalen besessen hat. In Holzschachteln wurden wertvolle Tee-Utensilien zum Schutz aufgehoben. Diese Aufbewahrungsart setzte im 16. Jahrhundert ein und im 17. Jahrhundert wurde es üblich, die Geschichte der darin aufbewahrten Objekte zu dokumentieren. Es gibt eine Reihe von Objekten, die auf diese Weise Rikyû als Besitzer bzw. Chôjirô als Hersteller zugeschrieben werden.

Fazit
Nimmt man all diese Hinweise zusammen, scheint es eine Verbindung zwischen Rikyû und Chôjirô gegeben zu haben, auch wenn nicht sicher ist, wie genau diese ausgesehen hat. War Rikyû einfach nur Kunde von Chôjirô oder hat er ihn tatsächlich beauftragt? War Chôjirô tatsächlich der einzige Töpfer, der solche Teeschalen brannte? Auf diese Fragen werde ich im nächsten Teil Antworten aus Sicht der Wissenschaft geben.

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Wie wurde Raku-Keramik ursprünglich hergestellt?

Raku-Keramik ist vielleicht die Keramik-Gattung, welche das höchste Ansehen bei japanischen Tee-Liebhabern genießt. Heutzutage versteht man unter Raku eine Brenntechnik, die sich durch niedrigere Brenntemperaturen auszeichnet.Bevor es losgeht, möchte ich auf ein paar Artikel aufmerksam machen, die diesem vorangehen:

Dieser Beitrag soll ein Einstieg ins Thema Raku sein, bei dem zunächst die Herstellung des traditionellen Raku des 16. und 17. Jahrhunderts beschrieben wird. Als Begründer der Raku-Keramik gilt der Töpfer Chôjirô, der in Kyôto als Dachziegeltöpfer arbeitete und chinesischer Abstammung war. Er produzierte äußerst schlichte Teeschalen und schaffte es, solche zu kreieren, die mit der japanischen Ästhetik und Tee-Zeremonie eng verknüpft sind. Der Raku-Betrieb wird heute von Raku Kichizaemon XV. geführt.

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Matcha in roter Raku-Schale (akaraku)

Chôjirôs Teeschalen bzw. die, die ihm zugeschrieben werden, erfreuen sich sogar heute noch sehr großer Beliebtheit. Obwohl als Original unbezahlbar, werden von Sasaki Shôraku Replika hergestellt, die den Vorbildern sehr nahe kommen. Shôraku demonstriert im folgenden Video, wie er Teeschalen herstellt.

Nachfolgend beschreibe ich, wie Raku ursprünglich hergestellt wurde. Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel meiner Magisterarbeit. Den Text habe ich angepasst und die Quellen entfernt. Wer an den Quellen interessiert ist, dem werde ich die Arbeit gerne zugänglich machen.

Ton
Zwar ist die Tonaufbereitung nicht historisch belegt, aber es gilt als sicher, dass sich Chôjirô unweit seiner Werkstatt an den Tonvorkommen, die sich unter Toyotomi Hideyoshis Schloss Jurakudai befanden, bediente. Aus diesem Grund nennt man auch heute noch den Ton Juraku-Ton (jurakutsuchi), der rötlich ist und einen hohen Eisengehalt aufweist. Dieser Ton wurde bei Ausgrabungen bereits mehrmals am ehemaligen Standort des Schlosses gefunden und genau dieser rötliche Scherben lässt sich bei Chôjirôs Werken nachweisen. An der Schale Ôguro kann man feststellen, dass sich unter der abgesplitterten Glasur ein roter Scherben, der auf den Juraku-Ton hinweist, befindet. Während bei Chôjirôs Werken der rötliche Ton zum Einsatz kam, ist aus der Brief-Korrespondenz zwischen Kobori Enshû (1579–1647) und der Raku-Werkstatt ersichtlich, dass zumindest später auch weißer Ton verwendet wurde.

Wie der Ton letztlich verarbeitet wurde, ist zwar nicht überliefert, aber der Brennprozess insbesondere bei schwarzem Raku stellte hohe Ansprüche an die Mischung des Tons. Die glühend heiße Schale wird während des Brennprozesses mit Zangen aus dem Ofen geholt. Dieser Temperatur-Schock führte zu einer physikalischen Spannung, der zu Fehlern und Rissbildungen führen konnte.

Formgebung
Der Freihand-Technik (tezukune) folgend, wird der Ton in die gewünschte Form geknetet. In der Momoyama-Zeit war bereits die Produktion mit der Töpferscheibe üblich und Chôjirôs Technik wirkt so zunächst etwas rückständig, weil die Produktionsmenge niedriger ausfällt und die Objekte nicht einheitlich produziert werden konnten. Raku Kichizaemon XV. zufolge wird zuerst eine dicke runde Fläche gewälzt, die dann auf ein rundes Holzbrett gelegt wird. Der Rand wird nun mit beiden Händen gemächlich nach innen gezogen und aufgerichtet. Auf diese Weise wird die Schale in die Form gebracht, in der sie später mit beiden Händen umschlossen werden soll. Die unfertige Teeschale ist dick und schwer. Auch der typische Standring (kôdai) fehlt und der Lippenrand (kuchizukuri), sowie der Innenteil (mikomi) sind noch nicht ausgestaltet. Diese Arbeitsschritte benötigen spezielle Hilfsmittel und einige Tage Zeit. Wenn der Ton etwas angetrocknet ist, kann er mit einem Spachtel abgehobelt werden. Weil dies von Hand geschieht, nimmt dieser Prozess viel Zeit in Anspruch. Für die verschiedenen Partien sind auch verschieden große Hobel nötig. Mit diesen Geräten werden die einzelnen Teile in Form gebracht und der kôdai (Fußring) heraus geschnitzt.




Glasur
Auffällig bei den Teeschalen, die Chôjirô zugeordnet werden, ist, dass keine von ihnen ein Dekor oder eine Verzierung aufweist. Die Schalen sind einfarbig in den Farben Rot und Schwarz. Anders als bei akaraku (rotes Raku) trägt bei den schwarzen Schalen die Glasur selbst zur Färbung bei (heute ist das bei akaraku anders, es gibt eine rote Glasur, die den weißen Tonkörper bedeckt). Die schwarze Glasur besteht aus einem Gemisch, das sich aus einer Bleifritte und pulverisierten Steinchen, den sogenannten kamogawa-ishi, die im Fluss Kamo vorkommen, zusammensetzt. In diesen Steinchen befinden sich Kieselsäure und Eisen. Laut Tyler und Hirsch erscheine das Schwarz „als Resultat eines plötzlichen Erstarrens des Eisens im Stein […]“. Eine überlieferte Rezeptur gibt es laut Raku Kichizaemon nicht:  Insbesondere im Haus Raku werden die (Glasur-)Mischungen von den einzelnen Personen der aufeinander folgenden Generationen individuell erschaffen und es ist Familienkodex, diese nicht an die Nachkommen weiterzugeben.
Im Gegensatz zu den großen Töpferregionen jener Zeit, in denen hauptsächlich große Freiluft-Öfen wie der ôgama (wörtlich: Großofen) und noborigama (Hangofen) zum Einsatz kamen, setzte man im Raku-Töpferbetrieb in Kyôto auf einen kleinen Ofen, den uchigama (wörtlich: Innenofen). Dieser Ofen war so klein, dass darin nur eine einzige RakuTeeschale Platz fand.

Öfen
Die heute verwendeten Öfen wurden erst nach dem Großbrand in Kyôto im Jahre 1787 gebaut, allerdings geht man davon aus, dass sich an den Öfen nichts Grundlegendes geändert habe. Grundsätzlich sind heute aufgrund der unterschiedlichen Brennmethoden für schwarzes und andersfarbiges Raku drei verschiedene Öfen im Einsatz. Für schwarzes Raku wird ein Zwei-Kammer-Ofen verwendet, in dessen Inneren nur eine Teeschale passt. Diese Kammer ist umgeben von einem Zwischenraum, in den Kohle gefüllt wird. Eine zweite Kammer trennt diesen Bereich von der Umwelt ab und verfügt über eine Leitung, die zu einem Blasebalg führt, mittels dessen Luft zugeführt wird.

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Schwarze Raku-Schale von Sasaki Shôraku; Kitanoguro

Brennprozess 
Mit dem Blasebalg konnte die Brenntemperatur in kürzester Zeit auf ein hohes Niveau gebracht werden. Sobald die Glasur geschmolzen war, wurde die Teeschale während des Brennprozesses in glühender Form mit Zangen herausgeholt, was eine rapide Abkühlung zur Folge hatte. Diese Methode wurde auch in den Mino-Öfen bei Seto-guro angewendet und bewirkte, dass die Schale durch die schnelle Abkühlung schwarz wurde. Daher wird diese Methode hikidashiguro (sinngemäß: schwarz durch vorzeitiges Herausnehmen) genannt. Die These von Tyler und Hirsch, dass für die rapide Abkühlung die Schale zusätzlich in kühles Wasser eingetaucht werde, konnte für diese Zeit nicht verifiziert werden. Zwar beträgt heute die Brenntemperatur für schwarzes Raku 1200– 1250°C, aber weil der Brennprozess nur von kurzer Dauer ist, behält die Schale die weiche Qualität. Raku räumt allerdings selbst ein: Es wird angenommen, dass [zu Chôjirôs Zeit] mit einer etwas niedrigeren Brenntemperatur gebrannt wurde, als man es gegenwärtig tut.
Raku Kichizaemon stellt außerdem fest, dass sich die Glasur der ersten beiden Generationen und der dritten Generation Dônyû (1599–1656) so sehr unterscheiden, dass er eine Ofen-Umgestaltung unter Dônyû vermutet, die eine höhere Temperatur möglich machte.

Schlussbemerkung
Wie bereits geschrieben sind Chôjirôs Teeschalen praktisch unbezahlbar. Wer sich mit einer Raku-Schale aus den Händen des jetzigen Erben begnügen kann, der muss Stand heute „nur“ 69.000 Euro investieren.

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Merkmale japanischer Raku-Teeschalen: was zeichnet sie aus?

Lange habe ich gezögert, mich dem Thema Raku zu widmen. Es gibt so viel zu dieser Keramik-Gattung zu schreiben, weil insbesondere die Geschichte vorbelastet ist und ich nicht wusste, wie ich ein solch komplexes Thema in einem Blog wiedergeben kann. Als ich damals anfing, meine Magisterarbeit zu schreiben, wollte ich noch nachweisen, wie groß der Einfluss der Teemeister auf die Keramik-Entwicklung war. Da der bekannteste Teemeister Japans Sen no Rikyû (千 利休, 1522-1591) in zahlreichen modernen Schriften als Schöpfer bzw. Initiator dieser Keramik-Gattung vorgestellt wird, sollte es ein Leichtes sein, dafür konkrete Beispiele zu finden, dachte ich mir. Es kam natürlich anders und ich musste letztlich das Thema abändern.Bevor es losgeht, möchte ich auf ein paar Artikel aufmerksam machen, die diesem vorangehen:

Raku-Teeschalen genießen allgemein das höchste Ansehen bei japanischen Tee-Liebhabern. Es gibt den lange bekannten Satz: ichi raku, ni hagi, san karatsu, der besagt, dass innerhalb der verfügbaren Tee-Utensilien an erster Stelle Raku-, an zweiter Hagi- und an dritter Stelle Karatsu-Keramik stehe.

Heutzutage versteht man unter Raku eine Brenntechnik, die sich durch niedrigere Brenntemperaturen oder eine kürzere Brenndauer auszeichnet.

Als Begründer der Raku-Keramik gilt der Töpfer Chôjirô, der in Kyôto als Dachziegeltöpfer arbeitete und chinesischer Abstammung war. Er produzierte äußerst schlichte Teeschalen und schaffte es, solche zu kreieren, die heute mit der japanischen Ästhetik und Tee-Zeremonie eng verknüpft sind. Der Raku-Betrieb wird heute von Raku Kichizaemon XV. geführt.

Längst gibt es Raku-Kurse in Europa und Amerika, die beweisen, dass sich der Westen vom Osten hat inspirieren lassen. Dennoch gibt es große Unterschiede, denn im Westen wird mit der Brenntechnik häufig auf andere Resultate abgezielt als in Japan.

Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel meiner Magisterarbeit. Den Text habe ich angepasst und die Quellen entfernt. Wer an den Quellen interessiert ist, dem werde ich die Arbeit gerne zugänglich machen.

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Dies ist der erste Beitrag der Reihe Raku. Derzeit sind drei weitere Beiträge in Planung, heute geht es um die wesentlichen Merkmale der ursprünglichen Raku-Keramik des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Beschreibung der Merkmale erfolgt daher aus einem historischen Blickwinkel. Leider darf ich aus rechtlichen Gründen keine Fotos einbinden, daher habe ich die wichtigsten Teeschalen verlinkt. Im Beitrag selbst sind Fotos der beiden Rakuschalen eingebunden, die ich Kyôto gekauft habe.

Formen
Die am häufigsten auftretende Form ist zylindrisch und flacht nach unten ab, bei einigen Teeschalen mehr, bei anderen weniger. Diese Form wird als hanzutsu-gata (halbzylindrische Form) bezeichnet. Die Teeschale steht auf einem runden Standring. Die Außenwände sind meistens hoch und unregelmäßig. Diese Eigenschaften fallen bei jeder Teeschale unterschiedlich aus, was kaum überrascht, wenn man bedenkt, dass sie i.d.R. mit der tezukune-Technik (Freihandaufbau) hergestellt wurden und eine Massenproduktion sich gleichender Schalen auf diese Weise nicht möglich war. Obwohl auch Sonderformen wie die viereckige (yohô) Schale Mukiguri oder eine Teeschale mit nach außen gewölbtem Lippenrand (kuchizukuri) Chôjirô zugeschrieben werden, unterteilt Raku Kichizaemon die repräsentativsten Teeschalen in vier Kategorien, um wiederholende Merkmale zu strukturieren. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch weitere Teeschalen gibt, die zwar Chôjirô zugeschrieben werden, die sich jedoch wie die oben genannten Beispiele nicht in eine dieser Kategorien einordnen lassen.

Unter die erste Kategorie fällt die schwarze Teeschale Ôguro. Diese Schalen entsprechen der bereits erwähnten zylindrischen hanzutsu-Form und zeichnen sich durch an den Enden leicht abgerundete Außenwände () und eine locker ausgebreitete Hüfte (koshi) aus. Da dieses Merkmal auch auf die Form wan’nari (Essschalen-Form) zutrifft, benutzt Raku Kichizaemon den Begriff hanzutsu wan’nari. Sie weist nur wenige Unebenheiten auf und wirkt sehr symmetrisch. Für die zweite Kategorie ist die Schale Shunkan ein gutes Beispiel. Der Durchmesser ist etwas breiter und die Außenwände sind absichtlich unsymmetrisch gestaltet, weisen aber eine Wölbung in dieselbe Richtung auf. Der obere Rand () ist etwas stärker nach innen gewölbt. Von ihrer Gesamterscheinung hat sie viel gemein mit Seto-guro-Teeschalen, weil die Hüfte (koshi) nur wenig gekrümmt und fast parallel zum Boden verläuft.

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Rotes Raku mit schwarzen Verfärbungen

Die dritte Kategorie wird anhand der Teeschale Omokage erklärt. Auch diese hat eine sehr tiefe Hüfte, wie die bereits vorgestellte Teeschale Shunkan. Sie hat allerdings einen kleineren Durchmesser und die Außenwände sind noch asymmetrischer und weisen eine leichte Wellenbewegung auf. Trotzdem gilt diese Schale noch als hanzutsu-gata. Die vierte und letzte Kategorie wird durch die Teeschale Fuze vertreten. Die Hüfte ist wie bei den Vorgängern nicht gekrümmt, schwillt aber etwas an und wirkt dadurch am Boden dicker. In der Mitte ist die Außenwand etwas enger gestaltet, dadurch erhält die Schale eine bogenförmige Bewegung, was den vorher beschriebenen Effekt noch verstärkt. Auffällig ist außerdem der wellenförmige Lippenrand.

Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das Spektrum der Teeschalengestaltung ausfiel. Die meisten Teeschalen fallen trotz vorhandener Variationen in die hanzutsu-Form. Die Glasur ist nicht glatt, sondern wirkt leicht porenartig und ist etwas uneben. Die Farben sind bei Chôjirô entweder rot oder schwarz. Manchmal können auch kleine nadelstichartige Löcher enthalten sein. Die Schalen sind sehr schlicht und monochrom gehalten und selbst der Fußring wurde glasiert. Es gab also farblich keinen Kontrast. Nach Chôjirôs Tod wurde durch Tanaka Sôkei, der die Raku-Töpferei mit Chôjirô zusammen leitete, das Raku-Siegel eingeführt, womit seine Werke i.d.R. signiert wurden. Mit Jôkei (?–1635), dem Sohn Sôkeis, bekamen die Raku-Schalen eine neue Richtung. Es wurde unter anderem eine weiße Glasur eingeführt, um koreanische Ido-Teeschalen zu imitieren, und es wurden auch Dekore auf die sonst monochromen Schalen aufgetragen.

Optik
Raku-Schalen sind ein Beispiel dafür, dass nicht mehr die Glasur-Effekte die Qualität einer Teeschale ausmachten, sondern ihre Form. Schwarze Raku-Schalen haben eine monochrome Glasur und bieten nur in Verbindung mit Tee einen farblichen Kontrast, der bei dunklen Glasuren sowie bei Jian-Teeschalen besonders gut zur Geltung kommt. Während bei Jian-Teeschalen die Glasur glatt war, hat die Raku-Glasur eine richtige Oberflächentextur. Hinzu kommen individuelle und einzigartige asymmetrische Formen, die auf die optische Wahrnehmung einen großen Einfluss ausüben und der Teeschale einen individuellen Charakter verleihen können. Auch das aufgedrückte Siegel wurde bei der Begutachtung der Teeschale mit Sicherheit wahrgenommen.

Haptik
Raku-Teeschalen fallen durch die weichen und wellenförmigen asymmetrischen Strukturen auf, obwohl es – zumindest anfangs – auch welche gab, die symmetrisch waren. Typisch für symmetrische Formen ist, dass sie i.d.R. unabhängig vom Blickwinkel gleich aussehen. Daraus kann man schlussfolgern, dass sich solche Teeschalen unabhängig von der Seite, auf welche die Handfläche trifft, gleich anfühlen. Das ist bei asymmetrischen Flächen anders, da sie sich auf der Außenwand unterschiedlich verteilen. Diese stoffliche Qualität führt zu einer bestimmten Umgangsweise, die bei Jean Piaget Assimilation heißt. Damit ist gemeint, dass Oberflächen, Farben und die Akustik eines Objekts einen bestimmten Umgang provozieren. Daher kann man annehmen, dass die Teeschale in den Händen rotiert wurde, um diese Qualitäten haptisch und optisch zu erfassen. Es kann außerdem angenommen werden, dass Raku-Teeschalen noch vorsichtiger als Hochbrand-Keramiken gehandhabt wurden, weil ihr poröses Material sie zerbrechlicher und leichter machte.

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Schwarze Raku-Teeschale mit glasiertem Fußring (kôdai)

Der unregelmäßige Lippenrand führte dazu, dass sich nicht jede Stelle gleich gut zum Trinken eignete und die Teeschale vor dem Trinken gedreht werden musste, bis eine geeignete Stelle gefunden wurde. Während bei Jian-Teeschalen der Fußring unglasiert blieb, glasierte Chôjirô den Fußring mit. Dies hatte zur Folge, dass der Scherben weder haptisch noch optisch erfasst werden konnte. Bei Teeschalen seines Mitarbeiters Sôkei sind auch solche mit unglasiertem Fußring bekannt.

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Rotes Raku mit unglasiertem Fußring (kôdai)

Die neuartigen zylindrischen Formen laden den Benutzer dazu ein, die Schale mit beiden Händen zu umfassen. Das führt dazu, dass der Haptik eine größere Rolle zukommt, als bei den zuvor gezeigten Formen der Jian-Teeschale, bei denen sich das starke Abflachen der Außenwand in Richtung Boden etwas nachteilig für die Handhabung auswirken konnte. Die Glasur ist außerdem nicht glatt, sondern wirkt leicht porenartig und ist etwas uneben. Manchmal können auch kleine nadelstichartige Löcher enthalten sein, die man spüren kann. Durch die relativ niedrige Brenntemperatur fühlt sich die Oberfläche weicher an, weswegen in diesem Zusammenhang von weicher Qualität (nanshitsu) gesprochen wird. Die niedrige Brenntemperatur hat außerdem zufolge, dass Raku-Teeschalen einen dumpfen und hohlen Klang abgeben, wenn man mit dem Fingernagel gegen die Wand stößt. Außerdem sind sie angenehm zu halten, selbst wenn sie mit heißem Wasser gefüllt sind. Das liegt daran, dass Niedrigbrand-Keramiken weniger verglasen und folglich weniger wärmeleitend sind. Es gibt aber noch ein weiteres Merkmal, welches für die Haptik wichtig ist. Pitelka betont, dass der Töpfer während der Gestaltung ungewöhnlich sensibel mit der Teeschale umging, sie konstant mit seinen eigenen Händen formte. Er schlussfolgert daraus: „[…] the potter was unusually sensitive to how the bowl would fit and feel in the palm of a tea practitioner“.

Die Tendenz zur Asymmetrie, wie sie bei Raku, aber auch bei den dunkel glasierten Mino-Keramiken zu beobachten ist, spricht dafür, dass diese Merkmale an Bedeutung gewannen. Dass sie verschieden stark ausfallen, spricht für eine differenzierte Nachfrage seitens der Konsumenten, die solche Eigenschaften in unterschiedlichem Ausmaß schätzten. Eine weitere haptische Quelle, die mit den Teeschalen von Sôkei hinzukam, ist das aufgedrückte Raku-Siegel. Solche Siegel stellen eine neue haptische Erfahrung dar, weil es bis zu dieser Zeit nicht üblich war, Keramiken durch das Aufdrücken eines Stempels zu signieren. Außerdem wurden nicht mehr alle Teeschalen komplett glasiert, weswegen auch der offen gelegte Scherben ertastet werden konnte.

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Matcha – alles nur heiße Luft?

Matcha ist momentan vor allem in der veganen Szene im Trend und immer mehr Menschen interessieren sich für diesen sehr besonderen und teuren Tee. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Dose Matcha, die ich vor Jahren in einem TeeGschwendner-Geschäft gekauft habe.

Ich hatte gerade angefangen Japanologie zu studieren und ich wurde neugierig. Auf der Dose war kein Preis ausgewiesen und ich dachte mir, dass so eine kleine Dose ja nicht so teuer sein könne. Beim Bezahlen habe ich dann schlucken müssen… Und so toll war diese erste Trinkerfahrung zuhause auch nicht. Den Besen habe ich mir nicht mehr leisten können, es geht auch ohne, dachte ich mir. Statt einer Matcha-Schale benutzte ich einen einfachen Becher und versuchte, den Tee mit einem Schneebesen schaumig zu schlagen. Gesiebt habe ich den Tee auch nicht, natürlich führte das zu Klümpchen. Mit der Zeit wurde die Farbe des Pulvers immer dunkler, verklumpte und schließlich habe ich diesen Matcha dann entsorgt, ohne mehr als drei Tassen aufgegossen zu haben. Also eigentlich alles falsch gemacht. An der Qualität lag es sicherlich nicht, denn es war der Matcha Yume, den ich heute jedem als Einstiegsmatcha empfehlen würde.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es „da draußen“ ähnliche negative Ersterfahrungen mit Matcha gibt. Die richtige Zubereitung ist nur ein Geheimnis für den wahren Genuss. Ein weiteres ist das der richtigen Qualität.

Was ist Matcha?
Eine einfache Frage ohne einfache Antwort. Heute ist das Angebot an Matcha-Sorten vielfältig. Man kann Matcha überall kaufen, vom Asia-Markt für unter 10 Euro die Dose bis hin zu über 50 Euro in ausgewählten Teefachgeschäften. Doch ist auch überall Matcha drin, wo Matcha draufsteht?

Eine Frage der Definition
Matcha (抹茶) bedeutet wörtlich „pulverisierter Tee“. Also eigentlich ganz einfach, oder? Daraus könnte man ableiten, dass jeder Tee, den man zu Pulver verarbeitet, Matcha genannt werden kann. Das stimmt leider nur in der Theorie, denn in Japan verbindet man damit eine besonders hohe Qualität des Tees, die nur mit großem Aufwand erreicht werden kann. Denn Matcha ist eben nicht nur vermahlener Grüner Tee. Sonst könnte man ja auch pulverisierten Schwarztee als „schwarzen Matcha“ verkaufen.

Matcha aus japanischer Sicht
Alles fängt beim Rohstoff an. Vier Wochen vor der Ernte verschwinden die Plantagen, aus denen Tencha gewonnen wird, komplett in dunklen Zelten. Das führt dazu, dass nur noch 10% des Sonnenlichts die Pflanze erreicht. Dieser organisatorische Aufwand ist teuer und führt dazu, dass die Pflanze unter Stress leidet. Der Teebauer muss also eventuell die Beschattung abbrechen und trägt das Risiko einer mangelhaften Ernte. Der Aufwand lohnt sich, denn der Tee bildet weniger Bitterstoffe, dafür aber mehr Aminosäuren, wodurch er frisch, mild und süßlich schmeckt.
Vor allem nach der Ernte unterscheidet sich der Verarbeitungsprozess wesentlich von den verwandten „Schattentees“ wie Gyokuro und Kabusecha. Letztere werden wie Sencha bedämpft und danach gerollt, Tencha hingegen wird nur kurz bedämpft und anschließend mit heißer Luft getrocknet und gebacken. Dieser Unterschied in der Verarbeitung führt dazu, dass nur wenige hundert Teebauern (man spricht von etwa 300) in der Lage sind, Tencha herzustellen. Die große Masse kann diesen Rohstoff nicht liefern, weil sie dazu technisch nicht in der Lage sind.

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Hinten sieht man Teeplantagen, in denen Tencha angebaut wird
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Hier ein „Zelt“ aus der Nähe
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Es wird noch mit der Hand geerntet

Dieser enorme Aufwand in einem Industrieland wie Japan führt dazu, dass dieser Spitzentee seinen Preis hat. Daher sind Preise für Matcha in Trinkqualität um die 10 Euro unseriös.

Die Farbe macht den Unterschied
Einen guten Matcha erkennt man sofort an der Intensität der grünen Farbe. Das hängt damit zusammen, dass nur die besten Blätter (erste Ernte, volle Beschattung über 4 Wochen) so viel Chlorophyll und Aminosäuren anreichern, dass sie für die Spitzenqualität infrage kommen. Je mehr die Farbe in olivgrün oder gar gelb geht, desto schlechter die Qualität und somit auch der Geschmack. Bei solchen Qualitäten stellt sich zudem die Frage, ob überhaupt Tencha vermahlen wurde oder nicht etwa Sencha oder Bancha.

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Gute und Spitzenqualitäten im Vergleich
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Kochqualitäten sind gelblicher, Trinkqualitäten grüner und leuchtender
Geschmackssache
Guter Matcha schmeckt mild, hat eine süßliche Note und verströmt beim Öffnen der Dose ein nussiges Aroma. Spitzenqualitäten kann man höher dosieren, wodurch sich eine Umami-Note zeigt, ohne dass der Tee bitter wird. Schlechte Qualitäten schmecken bitter, fischig und säuerlich. Man kann sie folglich auch nicht höher dosieren, weil sie sonst „überkippen“ und ungenießbar werden (sind sie eigentlich eh schon).

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Zwei kleine Bambuslöffel reichen schon für eine Portion
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Nährstoffe und Antioxidantien
Wie Grüner Tee zuvor genießt auch Matcha einen guten Ruf wegen seines hohen Gehalts an Antioxidantien. Dazu gehört vor allem die Gruppe der Catechine und das EGCG. Catechine werden als Abwehrreaktion der Pflanze gegen das Sonnenlicht im Blatt angereichert. Das hat den Vorteil, dass schon einfache Grüne Tees viel Catechin aufweisen, davon aber nur ein geringer Prozentsatz durch heißes Wasser extrahiert werden kann. Wer Tee aus Gründen des Genusses trinkt, wird keine Freude an Catechinen haben, da sie bitter schmecken. Je mehr Catechine also in den Aufguss übergehen, desto bitterer wird dieser.
Schattentees haben folglich weniger Catechine, dafür aber mehr Aminosäuren. Daher kann man diese höher dosieren und den begehrten Umami-Geschmack genießen. Matcha hat den Vorteil, dass durch den Verzehr des ganzen Blattes auch alle darin enthaltenen Catechine aufgenommen werden können. Wer sich mit Matcha Smoothies oder Shakes macht, kann einfachere Qualitäten wählen. Diese haben mehr Catechine und können sich geschmacklich gegen Fruchtaromen und Süße besser durchsetzen.

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3g-Probe Matcha bei TeeGschwendner für 3,75 Euro

Eine Probe gefällig?
Viele schrecken davor zurück, viel Geld für eine Dose Matcha auszugeben, weil sie nicht wissen, ob er Ihnen schmecken wird. Wer einen guten Teehändler in der Nähe hat, wird eventuell das Glück haben, dass er eine Schale auf Nachfrage direkt zubereitet bekommt. Viele Teehändler bieten diesen Service an. Wer nicht so viel Glück hat oder es einfach selbst versuchen möchte, der kann auch eine Probepackung des Matcha Yume in jedem Fachgeschäft von TeeGschwendner erwerben.

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Einführung in die Eigentümlichkeiten japanischer Keramik

Der Zugang zu japanischer Keramik gestaltet sich für das westliche Auge oft schwierig. Verglichen mit der im Westen dominierenden Ästhetik erscheint besonders traditionelle japanische Keramik auf den ersten Blick rückständig, mangelhaft und unvollkommen. Bezieht man mit ein, dass besonders deformierte Exemplare Höchstpreise von mehreren tausend Euro erzielen können, ist das Unverständnis manchen Betrachters umso größer.

In kurzen Abschnitten werde ich versuchen, die wesentlichen Merkmale dieser besonderen Ästhetik zu erklären.

Ursprung
Einen entscheidenden Einfluss auf die japanische Ästhetik hatte die japanische Teekultur. Wie ich bereits hier ausführlich erzählte, gab es im 16. Jahrhundert eine große Veränderung hinsichtlich der bevorzugten Utensilien in Tee-Zusammenkünften. Einfache bäuerliche Reisschalen aus Korea und sogenannte B-Waren aus China mit besonderen Charakteristika wurden zunächst als Ersatz oder Ergänzung für hochwertige Jian-Teeschalen gewählt. Sie dienten als Türöffner für eine neue und tiefsinnigere Haltung, in der Schlichtheit und Einfachheit gegenüber Perfektion und Eleganz bevorzugt wurden.

Karatsu-Keramik mit typischer weißer Glasur Unterglasur-DekorKaratsu-Keramik mit typischer weißer Glasur Unterglasur-Dekor

Selbst mangelhaft aufgetragene Glasuren, Schäden und asymmetrische Strukturen konnten einem Utensil einen individuellen Charakter verleihen, der von Teemeistern geschätzt wurde. Tee-Utensilien bekamen Namen verliehen, wurden in Tagebüchern festgehalten und skizziert, man erinnerte sich ihrer Einzigartigkeit. Für die Keramik-Hersteller waren diese Haltung und die aufkeimende Popularität der Teekultur der Beginn einer kreativen Auseinandersetzung und Vermarktung regionaler Traditionen.

Shino-Keramik mit zuckergußartiger GlasurShino-Keramik mit zuckergußartiger Glasur

Vielfach wurde versucht, diese Haltung spirituell und religiös zu begründen, in Wahrheit ist die Quellenlage für diese Behauptung sehr dürftig, so dass diese populären Erklärungsversuche konstruiert wirken und in der Wissenschaft entsprechend kritisch bewertet werden.

Ton
Japan ist reich an Tonvorkommen, von Hokkaidô bis Okinawa findet man über das ganze Land verteilt diverse Brennöfen, welche auf regionale Tonvorkommen zurückgreifen. Die Zusammensetzung der Tonsorten ist sehr unterschiedlich und ihre Eigenheiten werden nicht negiert. Ganz im Gegenteil werden gerade die markanten Eigenschaften hervorgehoben, so dass eine Abgrenzung zu anderen Regionen und Stilen leichtfällt. So entstehen viele verschiedene Keramikprofile von hell bis dunkel, von fein- bis grobkörnig. Es gibt eine Vielzahl von Abstufungen der Symmetriegrade, auch kantige Formen können vorkommen.

Auch aus diesem Grund werden in Japan die Keramikstile nach der Region benannt, in der sie gebrannt werden. Tokoname ist im Westen fast ein Synonym für Seitengriffkannen (kyûsu), in Japan ist Tokoname eine Jahrhunderte alte Töpferregion, die neben Alltagskeramiken auch Bonsai-Schalen herstellt. Alle dort gefertigten Keramiken werden ganz allgemein Tokoname-yaki genannt. Das Suffix yaki steht für „Gebranntes“, sinngemäß lautet die Übersetzung ganz einfach Tokoname-Keramik.

Karatsu-Keramik mit grobem Ton
Karatsu-Keramik mit grobem Ton

Trotz der Verbundenheit zur Region hat der japanische Töpfer durch die Auswahl und Zusammensetzung des Tons (z.B. sandig, grobkörnig oder feinkörnig) und die Art der Befeuerung viele Möglichkeiten, eine eigene „Handschrift“ zu entwickeln, die seine Werke von denen anderer Töpfer unterscheidet. Dazu verwenden die meisten Töpfer eine individuelle Signatur, die sie am Boden des Gefäßes in der Nähe des Fußrings hinterlassen.

Karatsu-Keramik mit feinem Ton
Karatsu-Keramik mit feinem Ton
Raku-Keramik mit sehr feinem Ton
Raku-Keramik mit sehr feinem Ton
Glasur
Heutzutage ist die Rezeptur einer Glasur mithilfe der Wissenschaft leichter aufzuschlüsseln und die Vorgänge im Brennofen sind insgesamt nachvollziehbarer. Der Zugang zu Rohstoffen ist grenzenlos und dem experimentierfreudigen Töpfer sind keine Grenzen gesetzt.

 

Jian-Teeschale mit Glasurtropfen
Jian-Teeschale mit Glasurtropfen
Demgegenüber stehen die überdauerten Keramik-Schätze der vergangenen Jahrhunderte. Nicht wenige Keramiker haben feststellen müssen, wie schwierig es trotz moderner Hilfsmittel ist, Repliken herzustellen. Die Schönheit der einfachen Dinge enthält auch immer ein Moment des Zufalls, der sich nur schwer reproduzieren lässt.
Echizen-Keramik mit natürlicher Ascheanflug-GlasurEchizen-Keramik mit natürlicher Ascheanflug-Glasur
Dazu gehört, wie die Glasur zerläuft und Muster bildet. Beim Erstarren der Glasur können sich am unteren Rand Tropfen bilden, die sehr geschätzt werden. Eine besonders reizvolle Gattung ist die natürliche Ascheanflug-Glasur. Holzasche, die aus der Befeuerung entsteht und im Ofen umherwirbelt, setzt sich zufällig auf den Gefäßen ab, schmilzt und zerläuft. Viele dieser Prozesse sind nur schwer zu kalkulieren und nicht direkt steuerbar. Aus diesem Grund gibt es noch immer sehr wertvolle Unikate oder außergewöhnliche Stile, die nicht reproduziert werden konnten.
-Seto (Gelbes Seto) mit gelber Ascheglasur und grünem Dekor
Ki-Seto (Gelbes Seto) mit gelber Ascheglasur und grünem Dekor
Haptik
Wie schon beschrieben, wird dem Ton besondere Beachtung gewidmet. Individuelle Zusammensetzungen ergeben auch immer eine individuelle Haptik. Selbst glasierte Keramiken werden am Boden häufig unglasiert gelassen. Ursprünglich diente dieses Vorgehen dazu, zu verhindern, dass das Werk mit dem Boden verschmilzt. Heute bietet es dem Betrachter die Möglichkeit, hinter die (Glasur-)Fassade zu blicken und sich am Tonkörper zu erfreuen. Dieser kann fein, sandig, grob bis hin zu steinig ausfallen.
Bizen-yaki Chawan
Bizen-yaki Chawan
Form
Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele verschiedene Formen kreiert, die in die Tee-Kultur Einzug gehalten haben. Töpfer haben die Wahl, sich Traditionen bzw. existenten Formen anzuschließen oder sie neu zu interpretieren. Ebenfalls ist es möglich, sich von ihnen zu distanzieren und durch eine Abkehr seinen eigenen Stil bzw. eine Botschaft auszudrücken.
Modernes ao-Oribe von Ryuji Hodaka
Modernes ao-Oribe von Ryuji Hodaka
Besonders auffällig und auf den ersten Blick sonderbar sind asymmetrische Strukturen, die ebenfalls haptisch erfahren werden. Ursprünglich wurden diese unbewusst herbeigeführt oder sind während des Brennvorgangs zufällig entstanden. Nicht immer sieht die Asymmetrie gut aus und häufig liegt es auch im Auge des Betrachters, ob er sie als ästhetisch schön empfindet. Die Akzeptanz unvollkommen wirkender Keramiken ist der eigentliche Beginn der tiefgründigen japanischen Ästhetik, die man heute als wabi-sabi (詫び寂び) bezeichnet.
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