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Ein Zweig der Raku-Keramik: Ôhi-yaki

Raku gehört neben Hagi und Karatsu zu den drei populärsten Keramiken in der japanischen Teezeremonie. Raku hat seinen Ursprung im Kyôto des 16. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert später hatte sich ein Zweig der Raku-Keramik in der Nähe von Kanazawa gebildet. In der Ortschaft Ôhi, die heute in Kanazawa liegt, befinden sich die Tonvorkommen, die Ôhi-yaki den Namen verleihen.

Wie alles begann

Sen Sôshitsu IV. war ein direkter Nachfahre von Sen Rikyû (1522-1591), dem bekanntesten Teemeister Japans und versuchte die Lehren seines Ur-Großvaters zu bewahren. Sôshitsu diente dem Maeda-Clan viele Jahre als Teemeister und lebte daher lange Zeit in Kanazawa. Im Jahre 1666 lud der Daimyô Maeda Toshitsuna Sen Sôshitsu IV. (auch Sensô Sôshitsu, 1622-1697) nach Kanazawa ein, um einen eigenen Tee-Stil zu entwickeln. Bei dieser Gelegenheit brachte Sôshitsu IV. den Raku-Töpfer Chôzaemon Hodoan (1630-1712) mit, da dieser exklusiv für den Maeda-Clan Utensilien für die Teezeremonie herstellen sollte.

Der Name Ôhi

Hodoan suchte zunächst nach Tonvorkommen. Direkt vor Kanazawa in der Ortschaft Ôhi fand er geeignetes Tonmaterial. Fortan nannte er sich Ôhi Chôzaemon und die Keramik wurde schließlich Ôhi-yaki getauft.

Ôhi-yaki
Ôhi-yaki mit Bernsteinglasur
Ôhi-yaki
Ôhi-yaki Siegel

Das Markenzeichen

Es heißt, dass Hodoan von seinem Lehrmeister Ichinyû (Raku Kichizaemon IV.) die Rezeptur der transparenten Bernsteinglasur (ame-yû) gezeigt bekam, die er fortan exklusiv für Ôhi-yaki verwenden sollte. Obwohl weiße und schwarze Glasuren durch Ôhi Chôzaemon IV. (1758-1839) und Ôhi Chôzaemon V. (1799-1856) in die Palette aufgenommen wurden, bleibt die Bernsteinglasur bis heute repräsentativ für diese Keramikgattung.

Ôhi-yaki
Ôhi-yaki

Die Herstellung

Genau wie Raku wird auch Ôhi-Keramik nicht auf der Töpferscheibe gedreht. Die Chawan wird per Hand aufgebaut (siehe Raku-Herstellung). Die verschiedenen Glasuren haben hinsichtlich des Brandes unterschiedliche Anforderungen, daher kann die Temperatur zwischen 950 und 1200°C liegen. Auch diese Teeschalen werden glühend aus dem Ofen genommen, damit sie rasch abkühlen können.

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Raku im Ôhi-Stil

Ôhi-yaki heute

Die traditionelle Ôhi-Familie wird heute in der 10. Generation durch Ôhi Chôzaemon (geb. 1927) vertreten, der noch immer Teeschalen in den Farben Weiß, Schwarz und Bernstein herstellt. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Dekortechniken wie Aufglasurmalereien und Ritzdekore in das Spektrum eingeführt. Dementsprechend vielfältig kann Ôhi-yaki heutzutage aussehen. Eine Übersicht über die Repräsentanten der Ôhi-Familie findest du hier.

Neben der Ôhi-Familie gibt es noch drei weitere Öfen in Kanazawa, die Ôhi-Keramik herstellen. Die für Ôhi typische Bernsteinglasur wird mittlerweile auch von Raku-Keramikern in Kyôto verwendet.

Einführung in die Shigaraki-Keramik

Shigaraki-Keramik gehört für mich zu den faszinierendsten und gleichzeitig schlichtesten Keramikgattungen Japans. Besonders die warmen Farbtöne des rustikalen Tonkörpers strahlen eine Behaglichkeit und Urtümlichkeit aus, die mich in eine nostalgische Stimmung bringen.

Der Ort Shigaraki

Die Ortschaft Shigaraki liegt in der heutigen Präfektur Shiga. Seit dem 5. Jahrhundert wird in dieser Region Keramik gebrannt. In Shigaraki selbst reicht die Keramikherstellung bis in das 13. Jahrhundert zurück, damit ist der Ort der jüngste der „Sechs alten Öfen“. Da er in der Einflusssphäre Kyôtos liegt, richteten sich die ansässigen Töpfer schon früh nach dem Geschmack der damaligen Hauptstadt. Shigaraki entwickelte sich dadurch zu einem der bedeutendsten Zentren für Teekeramik. Wegen der üppigen Tonvorkommen wird der Ort auch heute noch als das Paradies für Keramiker bezeichnet.

Der charakteristische Ton

Der Ton ist in natürlichem Zustand weiß und arm an Eisen, feuert aber lachsfarben bis rotbraun. Ein charakteristisches Merkmal sind die Pegmatiteinschlüsse (Feldspat- und Quarzkörnchen), die nach dem Brand als weiße Sternchen aus dem Ton hervorstechen und auch als solche (hoshi) bezeichnet werden.

Shigaraki-yaki Teebecher
Shigaraki-yaki Teebecher

Typisch für Shigaraki ist der Ton namens kibushi-nendo aus Sedimentationsschichten des Biwasees, die dem Pilozän zugeordnet werden. Er ist plastisch und hitzebeständig, heute wird er in ganz Japan von Keramikern eingesetzt, welche die rustikalen Eigenschaften schätzen. Die Pegmatitkörnchen werden allerdings für die Formgebung entfernt und bei Bedarf wieder zugesetzt. Für das Drehen auf der Scheibe ist der Ton zu grob, weswegen die Objekte aus Tonrollen aufgebaut oder in Formen gepresst werden.

Moderne und traditionelle Brennverfahren

Modernes Shigaraki wird häufig in Gas- oder Elektroöfen bei ca. 1300° gebrannt. Dabei kann allerdings keine Aschenanflugglasur entstehen, daher müssen Glasuren vorher aufgetragen werden. Viele Keramiker schätzen den Charme alter Keramiken aus der Blütezeit der Shigaraki-Öfen und brennen daher ihre Waren wieder im anagama oder noborigama. Durch den bis zu einer Woche dauernden Holzbrand wird Asche aufgewirbelt, die sich auf den Objekten niederlässt und schmilzt. Dies ist die Aschenanflugglasur, die bei jedem Stück anders gelingt und es somit zum Unikat macht.

Die Brenneffekte

Um das charakteristische Erscheinungsbild der Shigaraki-Keramik zu beschreiben, entstanden mit der Zeit verschiedene Begriffe. Rötliche Färbungen am Tonkörper, nennt man Feuerfarben (hi-iro 火色). Der Effekt kann stark variieren, da er abhängig vom Ofen, der Platzierung im Ofen, der Brennweise und Temperatur ist.

Shigaraki-yaki Chawan
Shigaraki-yaki Chawan

Als koge (焦げ) bezeichnet man Brandspuren, die dunkel ausfallen und durch Asche verursacht werden. Die Asche kann neben hellen Glasureffekten auch verglasen. Diese blaugrüne Glasschmelze wird bîdoro genannt. Treten alle drei Merkmale zusammen auf, dann spricht man von den „drei Landschaften“, welche auf Japanisch mitsu no keshiki (三つの景色) genannt werden.

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Ein ebenfalls begehrter Effekt wird durch die Pegmatitkörnchen verursacht. Werden Temperaturen von über 1300°C erreicht, dann können diese aufquellen oder gar explodieren und verursachen dadurch Risse oder kleine Krater im Körper. Diesen Effekt nennt man daher ishi-haze (石爆ぜ) – Steinexplosion.

Überblick über die historische Entwicklung

In Shigaraki wurden zunächst Haushaltsgegenstände wie Töpfe, Krüge und Mörser gebrannt. Anfangs konzentrierte man sich auf unglasiertes Steinzeug im Stile der damaligen Tokoname-Keramik. Tokoname war bereits weiter entwickelt und dominierte daher den Keramikmarkt.

In der Muromachi-Zeit (1336–1573) haben Teemeister die rustikale Ästhetik entdeckt und schätzen gelernt. Daher haben Shigaraki-Keramiken eine lange Tradition. So haben schon die Teemeister Murata Jukô, Sen no Rikyû und später auch Kobori Enshû Keramiken aus Shigaraki in ihren Teezeremonien eingesetzt. Angeblich haben diese Teemeister Keramiken nach ihren Wünschen herstellen lassen. Die daraus resultierenden Stile sind daher nach ihnen benannt.

Den Höhepunkt erreichte Shigaraki-Keramik, als das Tokugawa-Shogunat im Jahre 1632 nur noch Teetöpfe aus Shigaraki für die Lagerung des Uji-Tees zuließ. Doch diese privilegierte Stellung hielt nicht ewig.

Mitte des 17. Jahrhunderts verloren Teekeramiken aus Shigaraki an Bedeutung. Keramik aus Iga und Bizen war nun gefragter und die Öfen reagierten mit der Umstellung auf glasierte Ware. Gleichzeitig wurde der Schwerpunkt wieder auf Haushaltswaren gelegt.

Modernes schwarzes Shigaraki
Modernes schwarzes Shigaraki

Heute sind neben Teekeramiken auch andere Utensilien wie beispielsweise Sake-Sets beliebt. Vor allem die Tanuki-Figuren sind populär und zum Markenzeichen geworden, weswegen sie auch gerne als Mitbringsel und Glücksbringer verschenkt werden.

Was man bei der Ausbildung zum Tee-Sommelier lernen kann Teil IV

Das letzte Seminar bzw. der dritte Block liegt jetzt schon ein paar Tage zurück und nun komme ich endlich dazu, diesen vorletzten Teil zusammenzufassen. Das Seminar begann zunächst mit der üblichen Lernerfolgskontrolle, die auch dieses Mal alle angehenden Tee-Sommeliers bestanden haben. Inhaltlich ging es dann mit einer Dozentin weiter, die früher selbst eine TG-Filiale leitete und zu dieser Zeit, aber auch im Anschluss, als Tee-Sommelier arbeitete und daher auch aus der Praxis zu berichten wusste.

Die vielen kleinen Dinge
Aus diesem Grund war es sehr nützlich, Informationen aus erster Hand zu erhalten. Dabei wurde zunächst auf die rechtliche Lage eingegangen, mit der du dich spätestens dann beschäftigen musst, wenn du kostenpflichtige Kurse zu diesem Thema anbieten möchtest. Natürlich konnte nicht auf jede besondere Lage der Teilnehmer eingegangen werden, dafür war der Hintergrund eines jeden viel zu unterschiedlich. Doch es wurde deutlich, auf was man alles aufpassen muss (z.B. Versicherungen), nach welchen Kriterien Räume ausgesucht werden sollten und wie nützlich es sein kann, mit Checklisten zu arbeiten (diese wurden gleich mitgeliefert).

Teekulturen dieser Welt
Im Anschluss daran hat uns Gero nochmals durch die internationalen Teekulturen geführt. Dazu gehörte natürlich auch die Teekultur Chinas, die in diesem Teil (zurecht!) am umfangreichsten behandelt wurde. Dabei nahm er all die Kleinigkeiten und Anekdoten mit, für die es im ersten Block keine Zeit gab. Mir hätte dieser Teil gar nicht lang genug sein können. Sehr interessant waren die Ausflüge zu weniger bekannten Teekulturen wie Korea und Tibet. Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, nichts gelernt zu haben.

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Die prominentesten Zubereitungsweisen bekamen wir demonstriert bzw. durften uns auch selbst darin versuchen. Dazu gehörte das klassische Gong Fu Cha, welches wir mit zwei Oolong, einem Tie Guan Yin und einem Da Hong Pao zelebrierten. Dies taten wir sowohl mit Yixing-Kannen, zu denen es ebenfalls eine kurze Einführung gab, als auch mit Gaiwan (Deckeltassen). Es wurde hoch dosiert und jeder durfte die gar nicht so einfache Handhabung selbst versuchen. Der Vergleich eines blumigen und leichten Tie Guan Yin mit  einem dunklen gerösteten Da Hong Pao machte auch deutlich, welche beiden Enden im Spektrum des Oolong zu erwarten sind und wie sehr es sich lohnt, mit Zubereitungsmethoden zu experimentieren.

Ostfriesentee ist durchaus lecker
Ich trinke schon sehr sehr lange Schwarztee und konnte nur als Kind der Idee etwas abgewinnen, Milch in den Schwarztee zu tun. Als ich älter wurde, konnte ich trotz mehrfacher Versuche nicht mehr verstehen, was mir im Alter von 6 Jahren daran so geschmeckt hat. Viel zu aufdringlich ist die Milch, das finde ich noch immer. Entsprechend skeptisch war ich bei der Vorführung der ostfriesischen Teezeremonie, bei der ein kräftiger Tee auf Assam-Basis mit Sahne und Kluntje serviert wurde.

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Doch Vorurteile sind dazu da, sie abzubauen. Mir hat diese Variante überaus gut geschmeckt, obwohl mein Selbstversuch, den ich vor Jahren unternahm nicht so gelang, dass ich den Wunsch nach einer Wiederholung verspürte. Doch nach dieser Demonstration ist das anders. Vielleicht liegt es auch einfach an der verwendeten Sahne, die schön aromatisch war und gut mit dem kräftigen Assam-Tee harmonierte.

Schwerpunkt Japan
Gero ist ein echter Fachmann. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er selbst einige Male in Japan war und dort Tee gelernt hat. Diese Expertise, vor allem aber die Begeisterung hat er sehr gut „an den Mann“ gebracht. Wir beschäftigten uns eingehender mit den Teesorten und der japanischen Teegeschichte. Nach der Theorie ging es wieder zur Praxis über. In Zweierteams haben wir je einen japanischen Klassiker zubereitet, der Gruppe vorgestellt und zusammen verkostet. Dazu gehörten Bancha, Kukicha, Sencha, Hôjicha, Genmaicha, Kabusecha und Gyokuro.

Hier blieb auch genug Raum für Abweichungen. Ich hatte das Vergnügen den Deep Steamed Sencha vorstellen zu dürfen. Bereits an den Blättern war zu erkennen, dass der Tee von hoher Qualität ist, daher haben wir statt der empfohlenen 12g gleich 18g auf 1l Wasser getan. Das Resultat war äußerst lecker – nur leider nicht für jeden. Diese Erkenntnis ist dennoch sehr interessant, denn sie verdeutlicht, wie unterschiedlich Geschmäcker und Vorlieben sind. Es bestärkt mich in der Vermutung, dass es kräftige und leichte Geschmackstypen gibt, die fast gegensätzliche Vorlieben haben. Der Tee schmeckte für mich voller, würziger und viel intensiver. Ich mag auch lieber Dunkelschokolade mit hohem Kakao-Anteil, kräftige Rotweine wie Shiraz und würzige Speisen.

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Einigen Teilnehmern schmeckte der Tee trotzdem nicht. Denn für sie war der Tee schon unangenehm herb. Diese Feststellung habe ich auch bei Freunden gemacht, denen ich Tee nach meiner Zubereitungsart servierte. Interessanterweise ist die Schwelle, ab wann Herbheit überhaupt wahrgenommen wird, so individuell, dass ich mich künftig nach der Empfindsamkeit des Gastes erkundigen werde, bevor ich ihm einen Tee serviere. Menschen, die sensibel auf Bitterkeit oder herbe Geschmäcker reagieren, sollten sich daher besser an die übliche Dosierungsempfehlung halten.

Japanische Tee-Zeremonie
Abschließend gab es eine echte (simplifizierte) japanische Tee-Zeremonie. Natürlich konnte nicht die gesamte Gruppe dabei bewirtet werden, aber zwei angehende Tee-Sommeliers haben sich getraut, in die Gastrolle zu schlüpfen. Gero hat sich für diese Gelegenheit richtig schick gemacht und einen japanischen Yukata angezogen. Alle Zubereitungsschritte wirkten ruhig und entspannend, so dass ich diese Demonstration auch als Zuschauer genießen konnte.

Auch die Seminarleitung will gelernt sein
Den Samstag haben wir mit Frau Florl verbracht. Sie hat jahrelange Erfahrung in der Wirtschaft gesammelt und arbeitet nun beratend als Coach für viele Unternehmen. Sie wird uns vor allem im nächsten Block sehr intensiv begleiten. Das Besondere daran ist, dass wir als Gruppe beim letzten Block getrennt werden. So wird die erste Hälfte den abschließenden Teil samt Prüfung bereits im Mai absolvieren. Meine Gruppe ist erst im Juni dran. Ziel ist es, jeden in die Lage zu versetzen, souverän und selbstsicher ein Seminar zu leiten und dies fängt schon bei der Ausstrahlung an. Als Vorbereitung auf den kommenden Block haben wir in kleinen Gruppen das Profil eines idealen Tee-Sommeliers erarbeitet. Also so, wie wir uns selbst am liebsten sehen. Und beim nächsten Block wird Frau Florl uns dabei helfen, diesem Ideal ein (hoffentlich großes) Stückchen näherzukommen. Ich werde berichten.

Hier geht es nochmals zu den Zusammenfassungen der anderen Seminare:
Block I
Block II

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Der Ursprung von Raku aus Sicht der westlichen Wissenschaft

Willkommen zum vorerst letzten Teil der Artikelserie „Historisches Raku“. In den Blogartikeln zuvor habe ich mich bereits mit den Eigenheiten, der Herstellung und der Geschichte aus japanischer Sicht auseinandergesetzt. Solltest du diese Artikel noch nicht gelesen haben, könnte es nützlich sein, zunächst mit diesen anzufangen.Bevor ich die wissenschaftliche Perspektive aufgreife, ist es nötig, einen Blick auf die japanische Geschichtsschreibung zu werfen.

Wer schreibt die Teegeschichte in Japan?
Die japanische Teegeschichte speist sich aus vielen Erzählungen, Geheimschriften, Mythen und Manuskripten. Bis ins 17. Jahrhundert war die Teekultur dynamisch und keinesfalls so linear, wie sie heute dargestellt wird. Erst mit der Anerkennung der Autorität der Sen-Schulen im späteren Verlauf der Geschichte, wurde die Teegeschichte so geschrieben, wie wir sie heute kennen. Sie ist linear und endet quasi bei Sen no Rikyû, dem großen Teemeister Japans, der heute als Begründer des japanischen Tee-Wegs gilt. Die Sen-Schulen, gegründet durch die Enkel Rikyûs, reichen seine Lehren weiter und haben die Deutungshoheit, weil sie die mächtigste Institution auf diesem Gebiet sind und sich viele Quellen in ihrem Besitz befinden. Die Historiker, die sich mit der Teegeschichte auseinandersetzen, arbeiten häufig mit den Sen-Schulen zusammen und lassen sich von Ihnen beraten. Nicht zuletzt Sen Shôshitsu selbst schreibt regelmäßig Bücher und Artikel zu diesem Thema,

Problematische Quellen
Rikyû war sicherlich ein großer Teemeister und er hatte viele Schüler und einflussreiche Begegnungen. Weil er zu Lebzeiten eine sehr hohe Autorität genoss, gibt es zwar viele Berichte und Schriften, die auf ihn Bezug nehmen, aber keine einzige Teeschrift von ihm selbst verfasst, in der er seinen Teeweg erklärt. Da solche Originalquellen fehlen, müssen sich die Sen-Schulen aber auch die Wissenschaft mit Quellen aus zweiter oder gar dritter Hand begnügen. Und hier fängt das Problem schon an. Welcher Quelle kann ich vertrauen? Die Wissenschaft hat im Westen lange Zeit nur das nachgeplappert, was japanische Autoren zu diesem Thema zu sagen hatten. Und das ist im Großen und Ganzen der Standpunkt der Sen-Schulen.

Der Paradigmenwechsel
Erst Morgan Pitelka (2005) untersuchte mit seinem Werk „Handmade Culture“ die Entstehungsgeschichte des Hauses Raku, die angeblichen Zusammenhänge von Sen no Rikyû und die zahlreichen Mythen und legte die Schwächen dieser Behauptungen offen. Ferner konnte er zeigen, dass es neben Chôjirô noch andere Töpfer gab, die ganz ähnliche Keramiken herstellten, die erst durch Funde in den letzten beiden Jahrzehnten von der Forschung berücksichtigt werden konnten. Ich folge seiner Argumentation und gebe kurz die wesentlichen Argumente wieder.

Es gibt keine stichfesten Quellen
Im letzten Artikel habe ich bereits den japanischen Standpunkt wiedergegeben, nach dem Rikyû Chôjirô beauftragt habe, die ersten Teeschalen herzustellen. Wenn das wirklich der Fall gewesen sein sollte, würde es Rikyû zum geistigen Vater dieser Keramikgattung machen. Doch obwohl diese Verbindung zwischen Rikyû und Chôjirô in Japan als unumstößlich gilt, gibt es keine einzige zeitgenössische Quelle, nicht mal einen Brief, der einen Zusammenhang zwischen Rikyû und Chôjirô herstellt. Raku-Keramik gibt es vermutlich schon seit den 1570ern, Rikyû ist erst 1591 gestorben. Es ist schwer vorstellbar, dass in dieser langen Zeit keine Geheimschrift, kein Teeprotokoll und kein Brief die Urheberschaft von Rikyû erwähnt.
Das Nanbôroku z.B., auf welches sich gerne berufen wird, enthält ein Tee-Protokoll, in dem Rikyû ein Frischwassergefäß und eine Räucherwerkdose von Chôjirô benutzt habe. Dieses Teeprotokoll ist allerdings nur in dem Nanbôroku enthalten, welches erst 100 Jahre nach dem Tod Rikyûs „entdeckt“ wurde.

Es gibt zu viele Raku-Teeschalen
Das Zentrum der japanischen Teekultur war zweifellos Kyôto und die damalige Hafenstadt Sakai, die heute ein Teil von Ôsaka ist und nicht weit entfernt von Kyôto liegt. In beiden Städten wird viel gebaut und immer wieder werden bei Bauarbeiten verschiedene Dinge ausgehoben, die in frühere Epochen fallen. Heute weiß man, dass es nicht nur den einen Raku-Betrieb gegeben haben kann. Die gefundenen Teeschalen sind einfach zu zahlreich, um nur von einem Betrieb hergestellt worden sein zu können. Dafür ist Raku zeitlich zu aufwendig und der Ofen viel zu klein. Eine Massenproduktion ist unmöglich.

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Dies ist eine Nachbildung einer historischen Raku-Teeschale

Die Raku-Teeschalen fallen zu unterschiedlich aus
Zwar sagt man heute, dass Raku-Teeschalen nicht auf der Töpferscheibe geformt wurden, doch archäologische Funde belegen, dass einige durchaus auf diese Weise entstanden sind. Und obwohl die Raku-Familie felsenfest behauptet, dass ihre Teeschalen schon immer nur freihändig hergestellt wurden, sieht Pitelka, der ebenfalls ein erfahrener Töpfer ist, zumindest bei einigen frühen Stücken, die Chôjirô zugeschrieben werden, Merkmale eines Töpferscheibeneinsatzes.
Heute versucht die Raku-Familie immer noch, aus dem alten Fundus eine „Handschrift“ Chôjirôs zu rekonstruieren. Pitelka ist da weitaus kritischer und sieht in der Vielfalt einen deutlichen Hinweis darauf, dass nicht alle Teeschalen von einer einzigen Person stammen können.

Die Sache mit den Tee-Protokollen
Im letzten Blog habe ich erwähnt, dass es auch authentische Tee-Protokolle gab. In zwei Protokollen hat Rikyû eine schwarze Teeschale eingesetzt. Als man Jahrhunderte später anfing, die Teegeschichte zu schreiben, hat sich die Raku-Familie als einzige mit dieser Art der Teeschalen durchgesetzt und andere Betriebe haben aufgehört zu produzieren und sind in Vergessenheit geraten. Rückwirkend hat man daher angenommen, dass als schwarze Teeschalen nur die von Chôjirô aus dieser Zeit gemeint sein können. Es gab zwar noch die schwarzen Teeschalen aus Mino, die damals Seto genannt wurden (heute Seto-guro), aber da Seto in Teeprotokollen üblicherweise namentlich benannt wurde (die Teemeister wussten den Ursprung häufig zu unterscheiden), ging man davon aus, dass mit diesen Teeschalen Raku gemeint sei und übersah dabei aus Unwissenheit, dass es noch andere Töpfer gab, die diese Art von Teeschalen herstellten.

Doch so einfach ist das nicht. An dieser Stelle taucht nämlich der Begriff imayaki auf. Das bedeutet so viel wie „zeitgenössische Keramik“. Die aufkeimende Tee-Kultur hatte eine starke Nachfrage nach Tee-Utensilien ausgelöst und in vielen verschiedenen Töpferorten wurden Teeschalen gebrannt, die alle in diese Kategorie fielen. Nur weil die Teeschale schwarz war, heißt es also noch lange nicht, dass sie auch von Chôjirô getöpfert wurde. Die Schale kann genauso gut von einem anderen Töpfer aus Sakai gemacht worden sein oder auch aus Mino stammen.

Ein weiteres Protokoll erwähnt eine Teeschale mit dem Namen Kimamori (Hüter des Baums). Interessanterweise befindet sich eine Raku-Schale mit diesem Namen noch heute in Familienbesitz der Raku-Familie. Der Nachweis ist die dazugehörige Holzschachtel, die diesen Namen trägt. Die Handschrift soll die von Rikyû sein. Das Problem dabei ist nur, dass man nicht prüfen kann, seit wann diese Schachtel existiert, ob die Handschrift echt ist und ob Kimamori nicht vielleicht ursprünglich eine ganz andere Teeschale war, als die, die bis heute tradiert wird. Zudem wurde erst Jahrzehnte später durch den Enkelsohn Rikyûs die Handschrift als echt befunden.

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Die Holzschachtel (tomobako) gehört zu der oben gezeigten Teeschale

Holzschachteln liefern keine Beweise
Es gibt weitere Utensilien, deren Name, Hersteller und Vorbesitzer auf den dazugehörigen Holzschachteln dokumentiert wurden. Vor allem nach dem Tod Rikyûs tauchten viele Utensilien auf, von denen die Besitzer behaupteten, dass sie einst Rikyû gehörten. Dieser Boom hatte einen materiellen Grund, denn Rikyûs Utensilien waren sehr gefragt. Das positive Urteil eines bedeutenden Teemeisters hatte einen sehr großen Einfluss auf den Wert eines Utensils. Diese Tatsache ist sehr gut dokumentiert. Nach dem Tod von Rikyû behaupteten viele Teepraktizierende, dass ihre Utensilien einst Rikyû gehörten. Nachprüfen lies sich die Behauptung nicht mehr so leicht und die beschrifteten Holzschachteln halfen dabei, die Behauptung zu untermauern.

Fazit
Dank Morgan Pitelkas kritischer Herangehensweise ist man zu neuen Erkenntnissen gelangt. Wer sich ernster mit dieser Thematik auseinandersetzen möchte, sollte unbedingt seine beiden Bücher lesen (Quellenangaben findet ihr oben unter Buchempfehlungen). Geht es nach ihm, ist Raku eine Reaktion auf die gestiegene Nachfrage nach unterschiedlichen Tee-Utensilien.

Interessanterweise hat Pitelkas Ansatz kein nennenswertes Echo in Japan verursacht. Es mag daran liegen, dass sowohl die Sen-Schulen als auch die Raku-Familie von der Legende zu sehr profitieren, als dass sie ernsthaftes Interesse daran hätten, diese zu hinterfragen. Denn Raku ist die einzige Keramikgattung, die sich in Japan auf einen namhaften Teemeister berufen kann (bei Oribe ist das anders!). Davon profitiert die Familie noch heute durch eine enge Verzweigung mit den Sen-Schulen. Und die Sen-Schulen malen ein glorreiches Bild ihres Urahnen, dessen Genialität sich in den selbst entworfenen Raku-Schalen widerspiegelt. So bleibt in Japan vorerst alles beim Alten und wir dürfen selbst entscheiden, welcher Version der Geschichte wir lieber vertrauen mögen.

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Was ist historisches Raku aus japanischer Sicht?

Heute widme ich mich wieder dem Thema Raku. Die Frage nach der Herkunft von Raku ist spannend und es gib in Japan verschiedene Versionen der Entstehungsgeschichte. Ich halte mich an die in Japan übliche Version. Neueinsteigern möchte ich die beiden vorausgegangenen Artikel ans Herz legen:

Wenn man Artikel oder gar Bücher über den japanischen Teeweg (chadô 茶道) liest, dann stößt man unweigerlich auf den mutmaßlichen Begründer bzw. Vollender des Teewegs, Sen no Rikyû (1522–1592). Rikyû, der aus Sakai stammte, gilt heute als bedeutendster Teemeister in der japanischen Geschichte. Es ist kein Zufall, dass Rikyûs Stellung hervorgehoben wird, denn die bedeutenden Teeschulen Japans, die sogenannten „Drei Sen-Schulen“ (san-senke) berufen sich auf seine Lehren und beziehen daraus ihre Legitimität und Authentizität.

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Wer war eigentlich Sen no Rikyû?
Rikyû ging aus einer wohlhabenden Familie hervor, die im Fischgroßhandel tätig war. Er hinterließ keine Tagebücher oder schriftlichen Anweisungen über seinen Teestil. Von Rikyû ist aber bekannt, dass er sowohl den shoin-Tee* der Aristokratie und des Kriegeradels als auch den sôan-Tee* praktizierte, der zu dieser Zeit bereits als wabi-Tee* bezeichnet wurde. Drei Teeschulen berufen sich auf Rikyû, wurden aber erst von späten Nachfahren im 17. Jahrhundert gegründet. Zu ihnen gehören die Urasenke, die den rustikalen wabi-Tee, die Omotesenke, die den shoin-Tee tradieren, und die Mushakôjisenke. Rikyû, der u.a. unter Takeno Jôô Tee lernte, erreichte als Teemeister eine besondere Bedeutung unter den Regenten Oda Nobunaga (1534–1582) und Toyotomi Hideyoshi (1537–1598). Seine Aktivitäten und Geräte-Expertise sind teilweise in den Teetagebüchern und Aufzeichnungen seiner Anhänger dokumentiert. Eine wichtige Quelle für das Verständnis von Tee-Konventionen ist das Yamanoue Sôji-ki, dessen Verfasser Yamanoue Sôji selbst Schüler von Rikyû war und als ein großer Verfechter seiner Lehren gilt. In Anlehnung an Jôô und Rikyû werden darin Regeln für Teemeister formuliert und Rikyûs Radikalisierung des wabi-Tees am Beispiel eines sehr kleinen Anderthalb-Tatami-Teeraums beschrieben. Trotz dieser Quellen ist die Quellenlage problematisch, da die Korrektheit der Überlieferungen nie garantiert werden kann. Aus diesem Grund sind auch spätere Aufzeichnungen und Anekdoten, in denen Rikyû zitiert wird, stets als kritisch zu bewerten.

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Ihôan – japanisches Teehaus in Kyôto auf dem Gelände des Kôdai-ji

*Der shoin-Tee bezeichnet den „Tee im Studierzimmer“. Bei diesem Stil wurden ausschließlich kostbare Utensilien aus China verwendet. Der sôan-Tee hingegen wurde in einem schlichten Teehaus abgehalten. Das Teehaus wird einer idealisierten Einsiedlerklause nachempfunden. In diesem Modus wurden neben chinesischen auch japanische und koreanische Utensilien verwendet.

Schöpfungsmythos der Raku-Keramik
In der japanischen Literatur und chadô-Forschung besteht bis in die jüngste Zeit weitreichende Einigkeit darüber, dass Chôjirô, eigentlich ein Dachziegelbrenner chinesischer Abstammung, diese Keramik nicht allein, sondern unter Anleitung des großen Teemeisters der japanischen Tee-Geschichte, Sen no Rikyû, angefertigt hat. Gestützt wird diese Ansicht durch das eigene Verständnis der Raku-Töpfer über ihre tradierte Herkunft und die Einigkeit über die Entstehung der Raku-Keramik mit den Drei Sen-Schulen. Es gibt zahlreiche Publikationen, in denen diese Verbindung zwischen Rikyû und Chôjirô immer wieder behauptet wird und so verwundert es nicht, dass diese Entstehungslegende in westliche Literatur Einzug gehalten hat.

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Rotes Raku

Der japanischen Tee-Geschichte folgend soll Rikyû auf der Suche nach einer schlichten dekorlosen Teeschale auf den Dachziegeltöpfer Chôjirô, der am Bau des Schlosses Jurakudai mitarbeitete, gestoßen sein und sein Talent erkannt haben. Er beauftragte Chôjirô mit der Herstellung von roten und schwarzen Teeschalen, die später der Mittelpunkt der Raku-Tradition werden sollten. Darüber hinaus soll Chôjirô von Toyotomi Hideyoshi eine Auszeichnung mit der Aufschrift tenka ichi (der Weltbeste) für die hervorragende Qualität seiner Teeschalen erhalten haben, obwohl auch Versionen dieser Geschichte existieren, nach denen Hideyoshi Chôjirôs schlichte Teeschalen wenig schätzte. Für all diese Anekdoten gibt es keine historischen Belege. Heute geht auch Raku Kichizaemon XV. davon aus, dass das Raku-Siegel, welches als Signatur auf die Teeschalen gedrückt wird, nicht von Hideyoshi verliehen wurde, sondern das Siegel dazu benutzt wurde, um die hauseigenen Teeschalen von denen der Mitbewerber besser unterscheidbar zu machen.

Historische Quellen, die eine Brücke von Chôjirô bis Rikyû darstellen, sind die Teeschrift Nanbôroku und das sogenannte chakaiki. Als chakaiki werden Teeprotokolle bezeichnet, in denen verschiedene Angaben zu einer Tee-Zusammenkunft dokumentiert sind. Dazu gehören die Gäste, die dargereichten Speisen, konkrete Abläufe und verwendete Tee-Utensilien.

Im Falle des Nanbôroku handelt es sich vermutlich um eine Aufzeichnung eines Zen-Mönches namens Nanbô Sôkei (Lebensdaten unbekannt) aus dem Nanshûji. Diese gilt innerhalb des Tee-Kanons als eine der umstrittensten Schriften. In dieser Schrift sind zwei Tee-Protokolle von Rikyû enthalten, wovon eines ein Frischwassergefäß und ein weiteres eine Räucherwerkdose von Chôjirô erwähnt. Die Glaubwürdigkeit dieses Dokuments steht in einem zweifelhaftem Licht, weil es erst 1690 – ca. 100 Jahre nach Rikyûs Tod – „entdeckt“ wurde und einige darin enthaltene Informationen stehen im Widerspruch zu Informationen aus vertraulicheren Quellen.

Aber auch außerhalb vom Nanbôroku lassen sich aus japanischer Sicht Hinweise für Rikyû als Urheber der Raku-Keramik finden. Es gibt drei überlieferte Tee-Protokolle, deren Echtheit unbestritten ist. In zwei Protokollen mit Rikyû als Gastgeber wurde jeweils eine schwarze Teeschale vermerkt. Da es damals nur wenige schwarze Teeschalen gab und für die bereits Bekannten Namen existierten, geht man bis heute davon aus, dass mit dieser Bezeichnung nur Raku gemeint sein kann. Das dritte Protokoll erwähnt eine Teeschale mit dem Namen Kimamori. Diese Teeschale sei von Rikyû an seine Nachkommen weitergegeben worden und soll heute ein wichtiger Schatz der Familie sein.

Ein weiterer Hinweis ist die sôeki-gata chawan (Teeschale in Sôeki-Form).* Diese taucht im Jahre 1586 in einem Protokoll von Matsuya Hisamasa (?–1598) bei einer Tee-Veranstaltung eines Beamten aus Nara auf. Der Begriff deutet eine Verbindung zu Rikyû zwar an, kann aber nicht eindeutig interpretiert werden. Tee-Forscher gingen seit Langem davon aus, dass es sich bei dieser Form um eine von Chôjirôs Schalen handeln müsse und diese Rikyûs Geschmack entsprochen haben soll.

*Sôeki ist der damalige Name von Sen no Rikyû.

Neben diesen Hinweisen gibt es sogenannte hakogaki (Inschriften von Holzschachteln), die belegen sollen, dass Rikyû eine Vielzahl dieser Schalen besessen hat. In Holzschachteln wurden wertvolle Tee-Utensilien zum Schutz aufgehoben. Diese Aufbewahrungsart setzte im 16. Jahrhundert ein und im 17. Jahrhundert wurde es üblich, die Geschichte der darin aufbewahrten Objekte zu dokumentieren. Es gibt eine Reihe von Objekten, die auf diese Weise Rikyû als Besitzer bzw. Chôjirô als Hersteller zugeschrieben werden.

Fazit
Nimmt man all diese Hinweise zusammen, scheint es eine Verbindung zwischen Rikyû und Chôjirô gegeben zu haben, auch wenn nicht sicher ist, wie genau diese ausgesehen hat. War Rikyû einfach nur Kunde von Chôjirô oder hat er ihn tatsächlich beauftragt? War Chôjirô tatsächlich der einzige Töpfer, der solche Teeschalen brannte? Auf diese Fragen werde ich im nächsten Teil Antworten aus Sicht der Wissenschaft geben.

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Merkmale japanischer Raku-Teeschalen: was zeichnet sie aus?

Lange habe ich gezögert, mich dem Thema Raku zu widmen. Es gibt so viel zu dieser Keramik-Gattung zu schreiben, weil insbesondere die Geschichte vorbelastet ist und ich nicht wusste, wie ich ein solch komplexes Thema in einem Blog wiedergeben kann. Als ich damals anfing, meine Magisterarbeit zu schreiben, wollte ich noch nachweisen, wie groß der Einfluss der Teemeister auf die Keramik-Entwicklung war. Da der bekannteste Teemeister Japans Sen no Rikyû (千 利休, 1522-1591) in zahlreichen modernen Schriften als Schöpfer bzw. Initiator dieser Keramik-Gattung vorgestellt wird, sollte es ein Leichtes sein, dafür konkrete Beispiele zu finden, dachte ich mir. Es kam natürlich anders und ich musste letztlich das Thema abändern.Bevor es losgeht, möchte ich auf ein paar Artikel aufmerksam machen, die diesem vorangehen:

Raku-Teeschalen genießen allgemein das höchste Ansehen bei japanischen Tee-Liebhabern. Es gibt den lange bekannten Satz: ichi raku, ni hagi, san karatsu, der besagt, dass innerhalb der verfügbaren Tee-Utensilien an erster Stelle Raku-, an zweiter Hagi- und an dritter Stelle Karatsu-Keramik stehe.

Heutzutage versteht man unter Raku eine Brenntechnik, die sich durch niedrigere Brenntemperaturen oder eine kürzere Brenndauer auszeichnet.

Als Begründer der Raku-Keramik gilt der Töpfer Chôjirô, der in Kyôto als Dachziegeltöpfer arbeitete und chinesischer Abstammung war. Er produzierte äußerst schlichte Teeschalen und schaffte es, solche zu kreieren, die heute mit der japanischen Ästhetik und Tee-Zeremonie eng verknüpft sind. Der Raku-Betrieb wird heute von Raku Kichizaemon XV. geführt.

Längst gibt es Raku-Kurse in Europa und Amerika, die beweisen, dass sich der Westen vom Osten hat inspirieren lassen. Dennoch gibt es große Unterschiede, denn im Westen wird mit der Brenntechnik häufig auf andere Resultate abgezielt als in Japan.

Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel meiner Magisterarbeit. Den Text habe ich angepasst und die Quellen entfernt. Wer an den Quellen interessiert ist, dem werde ich die Arbeit gerne zugänglich machen.

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Dies ist der erste Beitrag der Reihe Raku. Derzeit sind drei weitere Beiträge in Planung, heute geht es um die wesentlichen Merkmale der ursprünglichen Raku-Keramik des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Beschreibung der Merkmale erfolgt daher aus einem historischen Blickwinkel. Leider darf ich aus rechtlichen Gründen keine Fotos einbinden, daher habe ich die wichtigsten Teeschalen verlinkt. Im Beitrag selbst sind Fotos der beiden Rakuschalen eingebunden, die ich Kyôto gekauft habe.

Formen
Die am häufigsten auftretende Form ist zylindrisch und flacht nach unten ab, bei einigen Teeschalen mehr, bei anderen weniger. Diese Form wird als hanzutsu-gata (halbzylindrische Form) bezeichnet. Die Teeschale steht auf einem runden Standring. Die Außenwände sind meistens hoch und unregelmäßig. Diese Eigenschaften fallen bei jeder Teeschale unterschiedlich aus, was kaum überrascht, wenn man bedenkt, dass sie i.d.R. mit der tezukune-Technik (Freihandaufbau) hergestellt wurden und eine Massenproduktion sich gleichender Schalen auf diese Weise nicht möglich war. Obwohl auch Sonderformen wie die viereckige (yohô) Schale Mukiguri oder eine Teeschale mit nach außen gewölbtem Lippenrand (kuchizukuri) Chôjirô zugeschrieben werden, unterteilt Raku Kichizaemon die repräsentativsten Teeschalen in vier Kategorien, um wiederholende Merkmale zu strukturieren. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch weitere Teeschalen gibt, die zwar Chôjirô zugeschrieben werden, die sich jedoch wie die oben genannten Beispiele nicht in eine dieser Kategorien einordnen lassen.

Unter die erste Kategorie fällt die schwarze Teeschale Ôguro. Diese Schalen entsprechen der bereits erwähnten zylindrischen hanzutsu-Form und zeichnen sich durch an den Enden leicht abgerundete Außenwände () und eine locker ausgebreitete Hüfte (koshi) aus. Da dieses Merkmal auch auf die Form wan’nari (Essschalen-Form) zutrifft, benutzt Raku Kichizaemon den Begriff hanzutsu wan’nari. Sie weist nur wenige Unebenheiten auf und wirkt sehr symmetrisch. Für die zweite Kategorie ist die Schale Shunkan ein gutes Beispiel. Der Durchmesser ist etwas breiter und die Außenwände sind absichtlich unsymmetrisch gestaltet, weisen aber eine Wölbung in dieselbe Richtung auf. Der obere Rand () ist etwas stärker nach innen gewölbt. Von ihrer Gesamterscheinung hat sie viel gemein mit Seto-guro-Teeschalen, weil die Hüfte (koshi) nur wenig gekrümmt und fast parallel zum Boden verläuft.

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Rotes Raku mit schwarzen Verfärbungen

Die dritte Kategorie wird anhand der Teeschale Omokage erklärt. Auch diese hat eine sehr tiefe Hüfte, wie die bereits vorgestellte Teeschale Shunkan. Sie hat allerdings einen kleineren Durchmesser und die Außenwände sind noch asymmetrischer und weisen eine leichte Wellenbewegung auf. Trotzdem gilt diese Schale noch als hanzutsu-gata. Die vierte und letzte Kategorie wird durch die Teeschale Fuze vertreten. Die Hüfte ist wie bei den Vorgängern nicht gekrümmt, schwillt aber etwas an und wirkt dadurch am Boden dicker. In der Mitte ist die Außenwand etwas enger gestaltet, dadurch erhält die Schale eine bogenförmige Bewegung, was den vorher beschriebenen Effekt noch verstärkt. Auffällig ist außerdem der wellenförmige Lippenrand.

Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das Spektrum der Teeschalengestaltung ausfiel. Die meisten Teeschalen fallen trotz vorhandener Variationen in die hanzutsu-Form. Die Glasur ist nicht glatt, sondern wirkt leicht porenartig und ist etwas uneben. Die Farben sind bei Chôjirô entweder rot oder schwarz. Manchmal können auch kleine nadelstichartige Löcher enthalten sein. Die Schalen sind sehr schlicht und monochrom gehalten und selbst der Fußring wurde glasiert. Es gab also farblich keinen Kontrast. Nach Chôjirôs Tod wurde durch Tanaka Sôkei, der die Raku-Töpferei mit Chôjirô zusammen leitete, das Raku-Siegel eingeführt, womit seine Werke i.d.R. signiert wurden. Mit Jôkei (?–1635), dem Sohn Sôkeis, bekamen die Raku-Schalen eine neue Richtung. Es wurde unter anderem eine weiße Glasur eingeführt, um koreanische Ido-Teeschalen zu imitieren, und es wurden auch Dekore auf die sonst monochromen Schalen aufgetragen.

Optik
Raku-Schalen sind ein Beispiel dafür, dass nicht mehr die Glasur-Effekte die Qualität einer Teeschale ausmachten, sondern ihre Form. Schwarze Raku-Schalen haben eine monochrome Glasur und bieten nur in Verbindung mit Tee einen farblichen Kontrast, der bei dunklen Glasuren sowie bei Jian-Teeschalen besonders gut zur Geltung kommt. Während bei Jian-Teeschalen die Glasur glatt war, hat die Raku-Glasur eine richtige Oberflächentextur. Hinzu kommen individuelle und einzigartige asymmetrische Formen, die auf die optische Wahrnehmung einen großen Einfluss ausüben und der Teeschale einen individuellen Charakter verleihen können. Auch das aufgedrückte Siegel wurde bei der Begutachtung der Teeschale mit Sicherheit wahrgenommen.

Haptik
Raku-Teeschalen fallen durch die weichen und wellenförmigen asymmetrischen Strukturen auf, obwohl es – zumindest anfangs – auch welche gab, die symmetrisch waren. Typisch für symmetrische Formen ist, dass sie i.d.R. unabhängig vom Blickwinkel gleich aussehen. Daraus kann man schlussfolgern, dass sich solche Teeschalen unabhängig von der Seite, auf welche die Handfläche trifft, gleich anfühlen. Das ist bei asymmetrischen Flächen anders, da sie sich auf der Außenwand unterschiedlich verteilen. Diese stoffliche Qualität führt zu einer bestimmten Umgangsweise, die bei Jean Piaget Assimilation heißt. Damit ist gemeint, dass Oberflächen, Farben und die Akustik eines Objekts einen bestimmten Umgang provozieren. Daher kann man annehmen, dass die Teeschale in den Händen rotiert wurde, um diese Qualitäten haptisch und optisch zu erfassen. Es kann außerdem angenommen werden, dass Raku-Teeschalen noch vorsichtiger als Hochbrand-Keramiken gehandhabt wurden, weil ihr poröses Material sie zerbrechlicher und leichter machte.

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Schwarze Raku-Teeschale mit glasiertem Fußring (kôdai)

Der unregelmäßige Lippenrand führte dazu, dass sich nicht jede Stelle gleich gut zum Trinken eignete und die Teeschale vor dem Trinken gedreht werden musste, bis eine geeignete Stelle gefunden wurde. Während bei Jian-Teeschalen der Fußring unglasiert blieb, glasierte Chôjirô den Fußring mit. Dies hatte zur Folge, dass der Scherben weder haptisch noch optisch erfasst werden konnte. Bei Teeschalen seines Mitarbeiters Sôkei sind auch solche mit unglasiertem Fußring bekannt.

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Rotes Raku mit unglasiertem Fußring (kôdai)

Die neuartigen zylindrischen Formen laden den Benutzer dazu ein, die Schale mit beiden Händen zu umfassen. Das führt dazu, dass der Haptik eine größere Rolle zukommt, als bei den zuvor gezeigten Formen der Jian-Teeschale, bei denen sich das starke Abflachen der Außenwand in Richtung Boden etwas nachteilig für die Handhabung auswirken konnte. Die Glasur ist außerdem nicht glatt, sondern wirkt leicht porenartig und ist etwas uneben. Manchmal können auch kleine nadelstichartige Löcher enthalten sein, die man spüren kann. Durch die relativ niedrige Brenntemperatur fühlt sich die Oberfläche weicher an, weswegen in diesem Zusammenhang von weicher Qualität (nanshitsu) gesprochen wird. Die niedrige Brenntemperatur hat außerdem zufolge, dass Raku-Teeschalen einen dumpfen und hohlen Klang abgeben, wenn man mit dem Fingernagel gegen die Wand stößt. Außerdem sind sie angenehm zu halten, selbst wenn sie mit heißem Wasser gefüllt sind. Das liegt daran, dass Niedrigbrand-Keramiken weniger verglasen und folglich weniger wärmeleitend sind. Es gibt aber noch ein weiteres Merkmal, welches für die Haptik wichtig ist. Pitelka betont, dass der Töpfer während der Gestaltung ungewöhnlich sensibel mit der Teeschale umging, sie konstant mit seinen eigenen Händen formte. Er schlussfolgert daraus: „[…] the potter was unusually sensitive to how the bowl would fit and feel in the palm of a tea practitioner“.

Die Tendenz zur Asymmetrie, wie sie bei Raku, aber auch bei den dunkel glasierten Mino-Keramiken zu beobachten ist, spricht dafür, dass diese Merkmale an Bedeutung gewannen. Dass sie verschieden stark ausfallen, spricht für eine differenzierte Nachfrage seitens der Konsumenten, die solche Eigenschaften in unterschiedlichem Ausmaß schätzten. Eine weitere haptische Quelle, die mit den Teeschalen von Sôkei hinzukam, ist das aufgedrückte Raku-Siegel. Solche Siegel stellen eine neue haptische Erfahrung dar, weil es bis zu dieser Zeit nicht üblich war, Keramiken durch das Aufdrücken eines Stempels zu signieren. Außerdem wurden nicht mehr alle Teeschalen komplett glasiert, weswegen auch der offen gelegte Scherben ertastet werden konnte.

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Geburtstagstee für Frau S.: Ein grüner Oolong aus Japan

Eine der (zweifelhaften?) Freuden, die sich ergeben, wenn man mit einem Tee-Liebhaber zusammen lebt, ist, dass man zu besonderen Anlässen besondere Tees trinken darf. Wie andere Menschen kostbare Momente mit dem richtigen Wein oder Essen krönen, mache ich das gerne mit Tee. Daher durfte Frau S. heute einen Tee aussuchen und wer sie kennt, der weiß, dass ihre Wahl nicht auf Pu Erh gefallen ist. Nach reichlicher Überlegung fiel die Wahl auch aus pragmatischen Gründen auf einen Oolong. Der Tee musste den besonderen Anforderungen des Tages entsprechen und das bedeutet, dass bei zahlreichen Anrufen keine lange und konzentrierte Tee-Session möglich sein würde. Daher fiel die Wahl auf einen grünen Oolong. Da wir Tie Guan Yin schon sehr gut kennen und dieser Tee nichts Außergewöhnliches gewesen wäre, entschieden wir uns für einen ungewöhnlichen Japaner: Ein grüner Oolong aus der Präfektur Miyazaki (Gokase) mit dem Namen Meiryoku.

Tee-Anbaugebiete auf einer größeren Karte anzeigen
Diesen Tee habe ich vor einem Jahr von meiner lieben Schwester zum Geburtstag bekommen und erst jetzt probiert. Also mein Geburtstagstee zum Geburtstag meiner Liebsten. Passt, oder? Alle, die mir in der Vergangenheit Teeproben geschickt haben und sich wundern, warum ich sie noch nicht probiert habe, dürften jetzt verstehen, dass es bei mir durchaus länger dauern kann, einen besonderen Tee zu trinken.
Ein weiteres Geschenk durfte heute sein Debüt feiern. Es ist eine Shiboridashi 絞り出し, die ich zu Weihnachten bekommen habe. Eine Shiboridashi ähnelt einer chinesischen Deckeltasse (Gaiwan), aber sie ist viel flacher und breiter und eignet sich gut für Gyokuro. Diese Shiboridashi stammt von Petr Nováks, einem tschechischen Töpfer, der sich auf Tee-Keramik spezialisiert hat. Petr ist auch ein Tee-Liebhaber, schreibt einen eigenen Blog und stellt Keramiken her, die einigen bekannten japanischen Stilen nachempfunden sind. Wer sich für Tee-Keramik und Petrs Arbeiten interessiert, der darf sich auf einen meiner nächsten Blogs freuen, in dem ich ihn und einige seine Werke genauer vorstellen werde.

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Die gelben Flecken auf dem Gefäß sehen nach geschmolzener Holzasche aus

Die Shiboridashi ist außen sehr rau und trägt unterschiedliche Farben und Texturen, welche durch differierende Brennkonditionen entstanden. Der Ton ist grob, etwas sandig, und es ist ein Vergnügen das Gefäß in den Händen zu rotieren. Innen ist sie glasiert, daher kann man sie für verschiedene Tees benutzen ohne dabei befürchten zu müssen, dass der Geschmack vom Vorgänger in die Tasse gerät. Spontan muss ich bei dieser Keramik an Bizen-yaki (Bizen-Keramik 備前焼) denken, daher werde ich mal einen Blog schreiben, in dem ich beide nebeneinander stelle.

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Hier sieht man die unterschiedlichen Farben der Oberfläche
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Innen ist die Shiboridashi glasiert

Als Präsentationsschale durfte eine Muschel aus Kolberg (Polen) herhalten, die ich nach Weihnachten vor Ort kaufen konnte. In Japan gab es im 16. Jahrhundert die Gewohnheit, „gefundene“ Objekte, die sich für Tee eigneten ausfindig zu machen und umzufunktionieren. So wurden z.B. koreanische Reisschalen zu Teeschalen. Im zunehmend standardisierten Teeweg wurde diese Kreativität schon bald geopfert, um sich am großen Vorbild Sen no Rikyûs (1522-1591) zu orientieren. Ein Teemeister, der sehr konsequent auf kreative Elemente gesetzt hat, war Furuta Oribe (1544-1615), der Riykûs Schüler war, sich aber später seinem eigenen Stil widmete und viele Anhänger hatte. Am japanischen Tee hat mich diese Kreativität schon immer fasziniert. Ich denke, dass diese Offenheit dazu führte, dass sich alternative Ästhetikvorstellungen etablieren konnten und nehme mir daran ein Vorbild. Wenn ich etwas finde, dass ich für Tee gebrauchen kann, unabhängig davon, ob es zu diesem Zweck gemacht wurde, dann kaufe ich es oder funktioniere etwas bereits Vorhandenes um.

Der Tee wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Anstelle eines satten Grüns wirken die Blätter wie ausgeblichen. Ich gebe zu, dass der rein optisch nicht zu überzeugen weiß. Die Form der Blätter ist so wie Oolong wohl mal war: Geschwungene, wellenmäßige Formen, die an einen Drachen erinnern.

Der Duft ist schon überraschend würzig und lässt mich spontan an eine Mischung aus Honig und Lebkuchen denken. Oder doch Honigkuchen? In der warmen Shiboridashi ändert sich der Duft in Richtung Schwarztee, vielleicht Assam.

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Links oben eine Raku-chawan, die ich zum kensui 建水 umfunktioniert habe. Unten links ein Seladon-Schälchen

Einen „Spülgang“ spare ich mir, stattdessen lasse ich den Tee 30 Sekunden ziehen. Beim Eingießen in die kleinen Seladon-Schälchen steigt ein bekannter aber total unerwarteter Duft auf: Es riecht nach Tie Guan Yin! Das ist schon eine kleine Sensation, da der Tee von Anfang an ganz anders gerochen hat und ich das überhaupt nicht erwartet hätte. Aber in der Tasse habe ich den typischen Orchideen-artigen (zumindest wird er von allen so beschrieben, ich habe noch nie an einer duftenden Orchidee gerochen) Duft. Auch die nassen Blätter geben jetzt diesen Geruch ab. Sehr vielseitig, dieser Japaner.

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Der Aufguss ist eher gelb als grün

Der erste Aufguss schmeckte so wie es der Geruch schon angedeutet hat. Ein dezenter und blumiger Geschmack, geprägt von Süße mit dem Orchideen-Duft in der Nase. Ein Tee nach Frau S.‘ Geschmack.

Beim zweiten Aufguss wird der Tee etwas gehaltvoller mit malzigen Noten und Spuren von Honig. Die Ähnlichkeit zu Tie Guan Yin dominiert aber nach wie vor.

Ab dem dritten Aufguss geht der Duft etwas zurück, im Geschmack bleibt der Tee mehr oder weniger konstant und überrascht mich besonders beim sechsten Mal. Da habe ich den Aufguss versehentlich vergessen, weil wir gerade durch ein Skype-Gespräch mit Japan unterbrochen wurden. Der Tee hat es uns verziehen und schmeckte sehr frisch und spritzig. Da müssen sich wohl einige Säuren mehr aus den Blättern gelöst haben.

Den Tee haben wir noch bis zum achten Aufguss weiter getrunken und waren sehr zufrieden. Nach dem achten Aufguss hätte man vielleicht noch zwei experimentelle hinterherschieben können, aber wir waren zufrieden und haben den Tee wieder Tee sein lassen.

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Die Blätter sehen im Shiboridashi schön saftig aus und haben sich voll entfaltet. Man sieht, dass die Blätter (wie bei Oolong üblich) ganz erhalten geblieben sind. Das spricht für handgepflückte, was in Japan eigentlich nicht üblich ist. An einigen Exemplaren kann man die mehr oder weniger fortgeschrittene Oxidation erkennen.

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Fazit: Ein Tee, der sich hinter chinesischen Originalen nicht verstecken muss, auch wenn er für hochwertige Tie Guan Yin keine Konkurrenz darstellt. Dafür geht der Geschmack dann doch in eine andere Richtung, obwohl Parallelen vorhanden sind. Wer grüne Oolong und Tie Guan Yin mag, der sollte einen Japaner ruhig mal probieren. Leider ist dieser Tee momentan nicht mehr erhältlich. Dafür gibt es andere grünliche Oolong, ebenfalls aus Miyazaki, die vielleicht ähnlich verarbeitet wurden. Versuch macht klug 🙂