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Endlich wieder Tee: Oolong aus Nordthailand

Wie einige vielleicht bemerkt haben, kam der Blog in letzter Zeit zu kurz. Das lag nicht daran, dass ich vom Tee die Schnauze voll hatte, ganz im Gegenteil, ich sehnte mich nach einer ruhigen Minute, in der ich die Muße habe, mich meiner Leidenschaft intensiv zu widmen. Aber eine Folge des Arbeitslebens ist, dass man für Hobbys weniger Zeit hat. Dabei habe ich das Glück berufsbedingt mehr Tee zu trinken als ich es jemals tat, nur ist das etwas komplett Anderes. Eine weitere Folge des Arbeitslebens ist, dass man weniger Zeit hat, bewusst Tee zu trinken. Und wenn ich schon die Gelegenheit habe, Tee zu trinken, dann muss er auch schmecken. Früher hatte ich morgens Zeit für zwei Tees, jetzt reicht es nur noch für einen. So habe ich mich dabei ertappt, dass ich die „suboptimalen“ nach und nach aussortiere – „das Leben ist zu kurz für schlechten Tee“, habe ich mal irgendwo gelesen und just in dem Moment ist mir wieder in den Sinn gekommen, wie wahr dieser Satz ist.

Erschwerend kam in den letzten Wochen hinzu, dass wir umgezogen sind. Endlich! Denn was ich hier nicht geschrieben habe, war, dass wir in unserer letzten Wohnung sehr unglücklich waren. Es war eine Wohnung aus den frühen 50ern und extrem hellhörig. Eine intime und geborgene Wohnatmosphäre ist vor allem seit unserem neuen Nachbarn und seinen ständigen abendlichen Besuchen nach und nach verloren gegangen, so dass ich mit der Unterschrift des Arbeitsvertrags auch gleich die Kündigung der Wohnung unterschrieben habe.
Jetzt sind wir also umgezogen und fast eingerichtet. Ein paar Kleinigkeiten fehlen leider noch, aber den größten Teil haben wir an den letzten Wochenenden nach und nach schaffen können. Heute ist der erste halbwegs freie Samstag, an dem ich wieder die Lust auf eine dokumentierte Einkehr zum Tee hatte. Die Sonne ist schon untergegangen und ich merke, dass es schwierig wird, bei diesen Lichtverhältnissen zu fotografieren.
Als ich Frau P. vorhin fragte, welchen Tee wir heute trinken sollen, kam wie aus der Pistole geschossen „Oolong-cha!“. Frau P. mag Oolong-cha sehr gerne, und wenn ich in der Vergangenheit die Frage gestellt habe, welchen Tee wir trinken sollen und sie mit „Oolong-cha!“ antwortete, habe ich sie immer auf den Zeitpunkt nach dem Umzug vertröstet, weil ich mir dafür lieber etwas mehr Zeit nehme, so wie heute.
Also Oolong, aber welchen? Eigentlich wäre jetzt die richtige Zeit für einen richtig schönen und würzigen dunklen Oolong, aber vielleicht gerade deswegen entscheide ich mich immer für das Gegenteil, um die Vorfreude auf solch einen Tee noch etwas hinauszuzögern und zu genießen. Klingt unlogisch? Ist auch so. Deswegen komme ich nie dazu, meine kostbarsten und interessantesten Tees zu trinken. Vielleicht möchte ich diese Tees auch einfach mit so vielen Menschen wie möglich teilen, wie z.B. im Januar, wenn zwei Teefreunde, die ich über Teetalk kennengelernt habe, zu Besuch kommen.
Ich mache also meine Teekiste auf und sehe zuerst eine kleine Teeprobe aus Thailand, die mir ein Freund von dort mitgebracht hat. Oolongs aus Thailand kenne ich durch Thomas Kasper schon ganz gut und wenn ich mich nicht täusche, dann müssten die Tees aus einem königlichen Projekt, die ich mitgebracht bekommen habe, sogar identisch mit jenen aus Thomas‘ Sortiment sein, oder?
Tee aus Nordthailand ist ein sehr spannendes Thema und ein schönes Beispiel dafür, dass eine Gesellschaft den Umstieg von Opium-Produktion auf Tee wirtschaftlich verkraften kann. Da diese Geschichte von Thomas sehr gut und anschaulich erzählt wird, möchte ich mich dazu nicht weiter äußern und stattdessen seine guten Artikel zu diesem Thema empfehlen.
Da ich Thai leider nicht lesen kann, weiß ich nicht wie der vorliegende Oolong heißt. Die Blätter sind zu dunkelgrünen Kügelchen gerollt. Der chinesische Trend, Oolongs wie den Tie Guan Yin immer grüner zu produzieren, ist also auch nach Thailand übergeschwappt. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich schon sage, dass die Parallelen eines modernen Tie Guan Yin zu dem jetzt getrunkenem Oolong erstaunlich sind!
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Der Duft der trockenen Blätter ist schön blumig wie blühende Sträucher und erinnert etwas an Akazienhonig. Etwas angewärmt vernimmt Frau P. auch einen Hauch von Grünkohl, diesem Eindruck kann ich zustimmen.
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Strahlendgelbe Tasse

Der Geschmack ist anfangs noch sehr verhalten. Leichte Süße, eine Spur Muskatnuss, insgesamt ein „grüner Geschmack“. Die späteren Aufgüsse werden aber würziger, manchmal schmecken wir eine leichte Vanille-Note, dann etwas Mandel, insgesamt ein sehr leicht zu genießender Tee, dem durch seine grüne Verarbeitung ein bisschen die Tiefe fehlt.

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Die typischen großen Blätter eines Oolong

 

Dafür hat der Tee etwas Anderes zu bieten: Ab dem sechsten Aufguss, dem Zeitpunkt, ab dem der Tee etwas dünner wird, zeigt sich ein Geschmack, den ich vielleicht als Tee-Geschmack bezeichnen könnte. Gero hat meines Wissens nach als erster die Theorie aufgestellt, dass alle Tees der Pflanze Camellia Sinensis einen gemeinsamen Tee-Geschmack aufweisen. Ich kann diese Theorie (noch) nicht ganz bestätigen, aber auch ich sehe Parallelen zwischen den verschiedenen Tees und der Geschmack, den ich mit dem „Tee-Geschmack“ assoziiere, ist (für mich) am deutlichsten bei grünen Oolongs ab dem sechsten Aufguss zu schmecken. Interessant sind auch die Meinungen anderer Teefreunde zu diesem Thema, z.B. im Teetalk-Forum.Fazit:
Ein schöner Oolong, der einem neben dem gefälligen Geschmack auch gleich ein gutes Gewissen macht. Man darf gespannt sein, was die Teebauern in Zukunft für Qualitäten produzieren. Besten Dank, lieber Jan! Wenn Du wieder da bist, laden wir Dich gerne auf eine Tasse ein!

Geburtstagstee für Frau S.: Ein grüner Oolong aus Japan

Eine der (zweifelhaften?) Freuden, die sich ergeben, wenn man mit einem Tee-Liebhaber zusammen lebt, ist, dass man zu besonderen Anlässen besondere Tees trinken darf. Wie andere Menschen kostbare Momente mit dem richtigen Wein oder Essen krönen, mache ich das gerne mit Tee. Daher durfte Frau S. heute einen Tee aussuchen und wer sie kennt, der weiß, dass ihre Wahl nicht auf Pu Erh gefallen ist. Nach reichlicher Überlegung fiel die Wahl auch aus pragmatischen Gründen auf einen Oolong. Der Tee musste den besonderen Anforderungen des Tages entsprechen und das bedeutet, dass bei zahlreichen Anrufen keine lange und konzentrierte Tee-Session möglich sein würde. Daher fiel die Wahl auf einen grünen Oolong. Da wir Tie Guan Yin schon sehr gut kennen und dieser Tee nichts Außergewöhnliches gewesen wäre, entschieden wir uns für einen ungewöhnlichen Japaner: Ein grüner Oolong aus der Präfektur Miyazaki (Gokase) mit dem Namen Meiryoku.

Tee-Anbaugebiete auf einer größeren Karte anzeigen
Diesen Tee habe ich vor einem Jahr von meiner lieben Schwester zum Geburtstag bekommen und erst jetzt probiert. Also mein Geburtstagstee zum Geburtstag meiner Liebsten. Passt, oder? Alle, die mir in der Vergangenheit Teeproben geschickt haben und sich wundern, warum ich sie noch nicht probiert habe, dürften jetzt verstehen, dass es bei mir durchaus länger dauern kann, einen besonderen Tee zu trinken.
Ein weiteres Geschenk durfte heute sein Debüt feiern. Es ist eine Shiboridashi 絞り出し, die ich zu Weihnachten bekommen habe. Eine Shiboridashi ähnelt einer chinesischen Deckeltasse (Gaiwan), aber sie ist viel flacher und breiter und eignet sich gut für Gyokuro. Diese Shiboridashi stammt von Petr Nováks, einem tschechischen Töpfer, der sich auf Tee-Keramik spezialisiert hat. Petr ist auch ein Tee-Liebhaber, schreibt einen eigenen Blog und stellt Keramiken her, die einigen bekannten japanischen Stilen nachempfunden sind. Wer sich für Tee-Keramik und Petrs Arbeiten interessiert, der darf sich auf einen meiner nächsten Blogs freuen, in dem ich ihn und einige seine Werke genauer vorstellen werde.

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Die gelben Flecken auf dem Gefäß sehen nach geschmolzener Holzasche aus

Die Shiboridashi ist außen sehr rau und trägt unterschiedliche Farben und Texturen, welche durch differierende Brennkonditionen entstanden. Der Ton ist grob, etwas sandig, und es ist ein Vergnügen das Gefäß in den Händen zu rotieren. Innen ist sie glasiert, daher kann man sie für verschiedene Tees benutzen ohne dabei befürchten zu müssen, dass der Geschmack vom Vorgänger in die Tasse gerät. Spontan muss ich bei dieser Keramik an Bizen-yaki (Bizen-Keramik 備前焼) denken, daher werde ich mal einen Blog schreiben, in dem ich beide nebeneinander stelle.

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Hier sieht man die unterschiedlichen Farben der Oberfläche
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Innen ist die Shiboridashi glasiert

Als Präsentationsschale durfte eine Muschel aus Kolberg (Polen) herhalten, die ich nach Weihnachten vor Ort kaufen konnte. In Japan gab es im 16. Jahrhundert die Gewohnheit, „gefundene“ Objekte, die sich für Tee eigneten ausfindig zu machen und umzufunktionieren. So wurden z.B. koreanische Reisschalen zu Teeschalen. Im zunehmend standardisierten Teeweg wurde diese Kreativität schon bald geopfert, um sich am großen Vorbild Sen no Rikyûs (1522-1591) zu orientieren. Ein Teemeister, der sehr konsequent auf kreative Elemente gesetzt hat, war Furuta Oribe (1544-1615), der Riykûs Schüler war, sich aber später seinem eigenen Stil widmete und viele Anhänger hatte. Am japanischen Tee hat mich diese Kreativität schon immer fasziniert. Ich denke, dass diese Offenheit dazu führte, dass sich alternative Ästhetikvorstellungen etablieren konnten und nehme mir daran ein Vorbild. Wenn ich etwas finde, dass ich für Tee gebrauchen kann, unabhängig davon, ob es zu diesem Zweck gemacht wurde, dann kaufe ich es oder funktioniere etwas bereits Vorhandenes um.

Der Tee wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Anstelle eines satten Grüns wirken die Blätter wie ausgeblichen. Ich gebe zu, dass der rein optisch nicht zu überzeugen weiß. Die Form der Blätter ist so wie Oolong wohl mal war: Geschwungene, wellenmäßige Formen, die an einen Drachen erinnern.

Der Duft ist schon überraschend würzig und lässt mich spontan an eine Mischung aus Honig und Lebkuchen denken. Oder doch Honigkuchen? In der warmen Shiboridashi ändert sich der Duft in Richtung Schwarztee, vielleicht Assam.

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Links oben eine Raku-chawan, die ich zum kensui 建水 umfunktioniert habe. Unten links ein Seladon-Schälchen

Einen „Spülgang“ spare ich mir, stattdessen lasse ich den Tee 30 Sekunden ziehen. Beim Eingießen in die kleinen Seladon-Schälchen steigt ein bekannter aber total unerwarteter Duft auf: Es riecht nach Tie Guan Yin! Das ist schon eine kleine Sensation, da der Tee von Anfang an ganz anders gerochen hat und ich das überhaupt nicht erwartet hätte. Aber in der Tasse habe ich den typischen Orchideen-artigen (zumindest wird er von allen so beschrieben, ich habe noch nie an einer duftenden Orchidee gerochen) Duft. Auch die nassen Blätter geben jetzt diesen Geruch ab. Sehr vielseitig, dieser Japaner.

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Der Aufguss ist eher gelb als grün

Der erste Aufguss schmeckte so wie es der Geruch schon angedeutet hat. Ein dezenter und blumiger Geschmack, geprägt von Süße mit dem Orchideen-Duft in der Nase. Ein Tee nach Frau S.‘ Geschmack.

Beim zweiten Aufguss wird der Tee etwas gehaltvoller mit malzigen Noten und Spuren von Honig. Die Ähnlichkeit zu Tie Guan Yin dominiert aber nach wie vor.

Ab dem dritten Aufguss geht der Duft etwas zurück, im Geschmack bleibt der Tee mehr oder weniger konstant und überrascht mich besonders beim sechsten Mal. Da habe ich den Aufguss versehentlich vergessen, weil wir gerade durch ein Skype-Gespräch mit Japan unterbrochen wurden. Der Tee hat es uns verziehen und schmeckte sehr frisch und spritzig. Da müssen sich wohl einige Säuren mehr aus den Blättern gelöst haben.

Den Tee haben wir noch bis zum achten Aufguss weiter getrunken und waren sehr zufrieden. Nach dem achten Aufguss hätte man vielleicht noch zwei experimentelle hinterherschieben können, aber wir waren zufrieden und haben den Tee wieder Tee sein lassen.

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Die Blätter sehen im Shiboridashi schön saftig aus und haben sich voll entfaltet. Man sieht, dass die Blätter (wie bei Oolong üblich) ganz erhalten geblieben sind. Das spricht für handgepflückte, was in Japan eigentlich nicht üblich ist. An einigen Exemplaren kann man die mehr oder weniger fortgeschrittene Oxidation erkennen.

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Fazit: Ein Tee, der sich hinter chinesischen Originalen nicht verstecken muss, auch wenn er für hochwertige Tie Guan Yin keine Konkurrenz darstellt. Dafür geht der Geschmack dann doch in eine andere Richtung, obwohl Parallelen vorhanden sind. Wer grüne Oolong und Tie Guan Yin mag, der sollte einen Japaner ruhig mal probieren. Leider ist dieser Tee momentan nicht mehr erhältlich. Dafür gibt es andere grünliche Oolong, ebenfalls aus Miyazaki, die vielleicht ähnlich verarbeitet wurden. Versuch macht klug 🙂