Pu Erh: eine Frage der Genussfähigkeit?

Angeregt durch mein Ringen mit der Frage, ob ich Pu Erh überhaupt genieße oder mir den Genuss nur einbilde, stieß ich auf ein paar interessante theoretische Anätze über Genussfähigkeit von Lebensmitteln, die ich mit euch teilen möchte.

Was als Genuss gewertet wird, ist zunächst kulturell bzw. sozial bedingt. In Deutschland gilt Brot beispielsweise als äußerst genießbar, aber fragt mal Menschen aus Kulturen, in denen Brot höchstens als Toastbrot bekannt ist. Ich habe schon häufiger festgestellt, dass Freunde aus dem Ausland mit diversen Brotsorten zu kämpfen hatten, weil sie ihnen einfach nicht schmeckten.
Geschmack ist außerdem ein Merkmal gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse. Soziale Milieus grenzen sich gegeneinander ab, wenn sie beispielsweise Kaviar als Schickimicki oder ein Bauernfrühstück als unkultiviert bezeichnen. Sag mir, was du isst und ich sag dir, woher du kommst, würde Bourdieu sagen. Dem armen Bauern schmeckt der Tee mit Zitrone ganz vorzüglich, dem Adeligen mundet nur die gehobene Qualität, heute wäre es der 50 Jahre alte Pu Erh, der so viel kostet wie ein Neuwagen oder die begehrteste Pflückung des  Long Jing, die einen höheren Grammpreis erzielt als Gold.

Was bedeutet das in Bezug auf Tee? Es bedeutet, dass es von unserer Herkunft abhängt, ob wir überhaupt einen Zugang zu Tee haben oder finden. Sie bestimmt auch, mit welchen Lebensmitteln wir aufwachsen, welche Essgewohnheiten wir entwickeln und was wir schließlich als lecker empfinden. Ferner bedeutet es auch, dass wir mittels unseren Essgewohnheiten unseren materiellen Wohlstand ausdrücken. Dies geschieht bewusst bzw. unbewusst und Tee kann dabei schnell zum „Prestigeschluck“ werden.

Interessant wird es, wenn man versucht seine natürlichen Geschmacksgrenzen zu durchbrechen. Viel hängt davon ab, mit welcher Einstellung man den Tee trinkt. Man benötigt eine gewisse geistige Offenheit für bestimmte Teesorten, weil der Geschmack ungewohnt sein kann. Was tut man, wenn man die Aromen zwar aus (auf den ersten Blick irritierenden) Kontexten kennt und plötzlich im Mund hat? Gras, Holz, Pilze, Waldboden, alte Bücher und Blumenerde sind nicht gerade Aromen mit denen man kulinarisch aufgewachsen ist. Der eine wird den grasigen Duft eines Sencha lieben, ein anderer hingegen ablehnen. Hier kann einem ein skeptischer Ansatz à la „was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ also durchaus im Wege stehen.

Genuss lässt sich nämlich auch erlernen. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich viele Lebensmittel beim ersten Versuch abstoßend fand. Pilze, herbes Bier, Nattô und eingelegter Ingwer sind meine persönlichen Beispiele für Genussmittel, an die ich mich erst gewöhnen musste und jetzt sehr gerne mag. Erneutes Probieren hat dazu geführt, dass ich mich an den Geschmack gewöhnte und eines Tages als lecker empfand.

In der Soziologie und Erziehungswissenschaft wird Bildung neuerdings als ein möglicher Schlüssel für ein tieferes kulturelles Erlebnisvermögen angesehen. Wer sich kulturell bildet, ist eher in der Lage, klassische Musik und Kunst zu genießen. Die Genussfähigkeit ist also nicht endgültig determiniert, sondern negativ ausgedrückt manipulierbar. So lange am Ende ein echter „Lustgewinn“ (Freud lässt grüßen) entsteht, kann dies uns egal sein. Es würde sogar Sinn machen, diesen Umstand für uns zu nutzen und unsere Genussfähigkeit zu erweitern, indem wir unseren Horizont öffnen.

Etwas, was nicht auf Anhieb schmeckt, kann im wahrsten Sinne des Wortes genießbar werden. Unsere geschmacklichen Präferenzen sind nicht angeboren, sondern gelernt. Holz-Aromen können für Wein- und Whisky-Liebhaber durchaus positive Charakteristika sein, wieso also nicht auch für Teetrinker? Wer neuen Tee probiert, sollte vielleicht versuchen, sich die geistige Offenheit eines Reisenden für die kulturellen Schätze dieser Erde zu bewahren. In jeder Kultur gibt es eine Vielfalt an kulinarischen Besonderheiten, die erst auf den zweiten oder dritten Biss (oder Schluck) zum Genuss werden. In Japan isst man z.B. Algen, Miso und Tofu – geschmacklich für viele Westler eine unbekannte und gewöhnungsbedürftige Welt. Es ist nicht zu spät, diesen Geschmack neu für sich zu entdecken und so ist es auch mit Tee. Schließlich sind erlesene Tee-Spezialitäten ausländische Erzeugnisse und es kann sich lohnen, sich auf sie einzulassen, selbst, wenn sie einem nicht sofort zusagen. Andererseits macht es auch wenig Sinn, sich zum Genuss zu zwingen, wenn der Würgreflex kommt.

Vor diesem Hintergrund ist Pu Erh vielleicht das Mittel der Wahl, um die eigenen natürlichen Grenzen der Genussfähigkeit zu durchbrechen. Wahrer Genuss stellte sich bei mir bisher nur selten. Diesbezüglich habe ich also noch viel Luft nach oben. Aber ich versuche es hartnäckig weiter.

13 Gedanken zu „Pu Erh: eine Frage der Genussfähigkeit?

  1. Ein wirklich toller Beitrag! 🙂
    Aus eigener Erfahrung kann ich hier schottischen Whisky mit einbringen.
    Rauchig, torfig, medizinisch… Um Gottes Willen, dachte ich zu Anfang.
    Nach häufigerem probieren jedoch, erhielt ich Zugang zu dieser neuen geschmacklichen Welt und mag diese seither sehr! 🙂

    1. Vielen Dank! Mit schottischem Islay-Whisky hatte ich das auch. Meine erste Laphroaig-Erfahrung war genau so, wie Du es beschreibst, nur dachte ich an Tankstelle. Jetzt zählen die torfigen Sorten zu meinen Favoriten 😀

  2. Interessante Gedanken über kulturelle Hintergründe zum Thema Geschmack. Geschmack ist oft durch die Kultur einer Gesellschaft und die Erziehung geprägt.
    Trotzdem spannend, dass ich keinen Kaffee trinke. Dieser ist in unserer Kultur und auch in meinem Elternhaus täglicher Begleiter. Mir ist dieses Getränk zu bitter, er schmeckt mir einfach nicht.
    Aber ich stimme mit dir überein, man kann tatsächlich lernen seinen Geschmack zu verändern, bzw. zu erweitern.
    Allerdings glaube ich nicht, dass es immer möglich ist. Aus Ekel wird Wohlgenuss? Wohl eher nicht.
    Ich wusste auch nicht, dass Pu Erh so „schwierig“ ist.

    1. Ein guter Einwand, der natürlich stimmt. Ich denke jeder hat auch schlechte Erfahrungen mit Genussmitteln gemacht, die einem die Kultur vorgibt. Und am Ende hat man zum Glück selbst die Wahl, sich auf etwas einzulassen.
      Dass aus Ekel Wohlgenuss wird, ist unwahrscheinich, aber nicht unmöglich. Manchmal fasziniert mich ein abstoßender Geschmack und ich versuche hinter die zunächst unschmackhafte Fassade zu blicken. Ich gebe aber gerne zu, dass es mir nicht immer gelingt. Zu Pu Erh muss ich aber erwähnen, dass er sehr selten abstoßend ist. Gerade bei jungen Pu Erh gibt es einige Vertreter, die mir einfach zu extrem sind. Da es aber auch Lichtblicke in dieser Geschmackswelt gibt, bleibe ich gerne dran und versuche den (!) Tee für mich zu finden 🙂

    1. Ich habe mir eben den Thread durchgelesen und mich über die Beschreibung von miig und dir sehr amüsiert. Bei diesem Pu Erh hätte ich wohl auch kapituliert :p

  3. Ich trinke seit ein paar Monaten an meinem ersten Pu Erh herum und ich muss sagen beim ersten Schluck hat es mich gebeutelt wie einen jungen Hund. Aber inzwischen haben wir so eine Art Hass-Liebe entwickelt und ich kann nicht wirklich davon lassen. Mal sehen wohin das noch führt…

    LG, Antonia

    P.S.: Ich bin ganz neu hier und über Papyrus auf deinen großartigen Blog gestossen

    1. Hallo Antonia! Vielen Dank für dein Lob. Hass-Liebe trifft es wirklich gut, denn ich ertappe mich immer wieder selbst dabei, dass ich die Finger nicht davon lassen kann, obwohl es eigentlich Anlass genug gibt, damit aufzuhören. Aber gerade weil Pu Erh nicht ganz einfach und so ganz anders ist, fasziniert er mich auf eine unvergleichliche Weise.
      Hast du einen Fladen gekauft? Magst du mir verraten, welchen du gekauft hast? Schönen Gruß an Papyrus, ich schaue dort selbst immer wieder gerne vorbei.

  4. Mhm.. nein kein Fladen, sondern einfach lose. Ich stecke noch in meinen Tee-Kinderschuhen (bis vor einem Jahr habe ich eigentlich fast nur Schwarztee getrunken). Den Pu Erh Tee habe ich spontan gekauft, weil mir das so gar nichts gesagt hat und der Name mich an Winnie Puh erinnert hat (jaja, ich bin eine reflektierte und verantwortungsbewusste Konsumentin). Hab ich da einen Tee-faux pas begangen?

    1. Nein, hast Du nicht. Ich denke, dass man sich von „richtig“ und „falsch“ frei machen sollte. Entweder es schmeckt oder schmeckt nicht.
      Ich habe deshalb nach dem Fladen gefragt, weil ich die selbst so hübsch verpackt finde. Auch den Fladen selbst und wie die Blätter in ihm zum Vorschein kommen, finde ich sehr hübsch anzusehen.

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