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Einführung in die Eigentümlichkeiten japanischer Keramik

Der Zugang zu japanischer Keramik gestaltet sich für das westliche Auge oft schwierig. Verglichen mit der im Westen dominierenden Ästhetik erscheint besonders traditionelle japanische Keramik auf den ersten Blick rückständig, mangelhaft und unvollkommen. Bezieht man mit ein, dass besonders deformierte Exemplare Höchstpreise von mehreren tausend Euro erzielen können, ist das Unverständnis manchen Betrachters umso größer.

In kurzen Abschnitten werde ich versuchen, die wesentlichen Merkmale dieser besonderen Ästhetik zu erklären.

Ursprung
Einen entscheidenden Einfluss auf die japanische Ästhetik hatte die japanische Teekultur. Wie ich bereits hier ausführlich erzählte, gab es im 16. Jahrhundert eine große Veränderung hinsichtlich der bevorzugten Utensilien in Tee-Zusammenkünften. Einfache bäuerliche Reisschalen aus Korea und sogenannte B-Waren aus China mit besonderen Charakteristika wurden zunächst als Ersatz oder Ergänzung für hochwertige Jian-Teeschalen gewählt. Sie dienten als Türöffner für eine neue und tiefsinnigere Haltung, in der Schlichtheit und Einfachheit gegenüber Perfektion und Eleganz bevorzugt wurden.

Karatsu-Keramik mit typischer weißer Glasur Unterglasur-DekorKaratsu-Keramik mit typischer weißer Glasur Unterglasur-Dekor

Selbst mangelhaft aufgetragene Glasuren, Schäden und asymmetrische Strukturen konnten einem Utensil einen individuellen Charakter verleihen, der von Teemeistern geschätzt wurde. Tee-Utensilien bekamen Namen verliehen, wurden in Tagebüchern festgehalten und skizziert, man erinnerte sich ihrer Einzigartigkeit. Für die Keramik-Hersteller waren diese Haltung und die aufkeimende Popularität der Teekultur der Beginn einer kreativen Auseinandersetzung und Vermarktung regionaler Traditionen.

Shino-Keramik mit zuckergußartiger GlasurShino-Keramik mit zuckergußartiger Glasur

Vielfach wurde versucht, diese Haltung spirituell und religiös zu begründen, in Wahrheit ist die Quellenlage für diese Behauptung sehr dürftig, so dass diese populären Erklärungsversuche konstruiert wirken und in der Wissenschaft entsprechend kritisch bewertet werden.

Ton
Japan ist reich an Tonvorkommen, von Hokkaidô bis Okinawa findet man über das ganze Land verteilt diverse Brennöfen, welche auf regionale Tonvorkommen zurückgreifen. Die Zusammensetzung der Tonsorten ist sehr unterschiedlich und ihre Eigenheiten werden nicht negiert. Ganz im Gegenteil werden gerade die markanten Eigenschaften hervorgehoben, so dass eine Abgrenzung zu anderen Regionen und Stilen leichtfällt. So entstehen viele verschiedene Keramikprofile von hell bis dunkel, von fein- bis grobkörnig. Es gibt eine Vielzahl von Abstufungen der Symmetriegrade, auch kantige Formen können vorkommen.

Auch aus diesem Grund werden in Japan die Keramikstile nach der Region benannt, in der sie gebrannt werden. Tokoname ist im Westen fast ein Synonym für Seitengriffkannen (kyûsu), in Japan ist Tokoname eine Jahrhunderte alte Töpferregion, die neben Alltagskeramiken auch Bonsai-Schalen herstellt. Alle dort gefertigten Keramiken werden ganz allgemein Tokoname-yaki genannt. Das Suffix yaki steht für „Gebranntes“, sinngemäß lautet die Übersetzung ganz einfach Tokoname-Keramik.

Karatsu-Keramik mit grobem Ton
Karatsu-Keramik mit grobem Ton

Trotz der Verbundenheit zur Region hat der japanische Töpfer durch die Auswahl und Zusammensetzung des Tons (z.B. sandig, grobkörnig oder feinkörnig) und die Art der Befeuerung viele Möglichkeiten, eine eigene „Handschrift“ zu entwickeln, die seine Werke von denen anderer Töpfer unterscheidet. Dazu verwenden die meisten Töpfer eine individuelle Signatur, die sie am Boden des Gefäßes in der Nähe des Fußrings hinterlassen.

Karatsu-Keramik mit feinem Ton
Karatsu-Keramik mit feinem Ton
Raku-Keramik mit sehr feinem Ton
Raku-Keramik mit sehr feinem Ton
Glasur
Heutzutage ist die Rezeptur einer Glasur mithilfe der Wissenschaft leichter aufzuschlüsseln und die Vorgänge im Brennofen sind insgesamt nachvollziehbarer. Der Zugang zu Rohstoffen ist grenzenlos und dem experimentierfreudigen Töpfer sind keine Grenzen gesetzt.

 

Jian-Teeschale mit Glasurtropfen
Jian-Teeschale mit Glasurtropfen
Demgegenüber stehen die überdauerten Keramik-Schätze der vergangenen Jahrhunderte. Nicht wenige Keramiker haben feststellen müssen, wie schwierig es trotz moderner Hilfsmittel ist, Repliken herzustellen. Die Schönheit der einfachen Dinge enthält auch immer ein Moment des Zufalls, der sich nur schwer reproduzieren lässt.
Echizen-Keramik mit natürlicher Ascheanflug-GlasurEchizen-Keramik mit natürlicher Ascheanflug-Glasur
Dazu gehört, wie die Glasur zerläuft und Muster bildet. Beim Erstarren der Glasur können sich am unteren Rand Tropfen bilden, die sehr geschätzt werden. Eine besonders reizvolle Gattung ist die natürliche Ascheanflug-Glasur. Holzasche, die aus der Befeuerung entsteht und im Ofen umherwirbelt, setzt sich zufällig auf den Gefäßen ab, schmilzt und zerläuft. Viele dieser Prozesse sind nur schwer zu kalkulieren und nicht direkt steuerbar. Aus diesem Grund gibt es noch immer sehr wertvolle Unikate oder außergewöhnliche Stile, die nicht reproduziert werden konnten.
-Seto (Gelbes Seto) mit gelber Ascheglasur und grünem Dekor
Ki-Seto (Gelbes Seto) mit gelber Ascheglasur und grünem Dekor
Haptik
Wie schon beschrieben, wird dem Ton besondere Beachtung gewidmet. Individuelle Zusammensetzungen ergeben auch immer eine individuelle Haptik. Selbst glasierte Keramiken werden am Boden häufig unglasiert gelassen. Ursprünglich diente dieses Vorgehen dazu, zu verhindern, dass das Werk mit dem Boden verschmilzt. Heute bietet es dem Betrachter die Möglichkeit, hinter die (Glasur-)Fassade zu blicken und sich am Tonkörper zu erfreuen. Dieser kann fein, sandig, grob bis hin zu steinig ausfallen.
Bizen-yaki Chawan
Bizen-yaki Chawan
Form
Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele verschiedene Formen kreiert, die in die Tee-Kultur Einzug gehalten haben. Töpfer haben die Wahl, sich Traditionen bzw. existenten Formen anzuschließen oder sie neu zu interpretieren. Ebenfalls ist es möglich, sich von ihnen zu distanzieren und durch eine Abkehr seinen eigenen Stil bzw. eine Botschaft auszudrücken.
Modernes ao-Oribe von Ryuji Hodaka
Modernes ao-Oribe von Ryuji Hodaka
Besonders auffällig und auf den ersten Blick sonderbar sind asymmetrische Strukturen, die ebenfalls haptisch erfahren werden. Ursprünglich wurden diese unbewusst herbeigeführt oder sind während des Brennvorgangs zufällig entstanden. Nicht immer sieht die Asymmetrie gut aus und häufig liegt es auch im Auge des Betrachters, ob er sie als ästhetisch schön empfindet. Die Akzeptanz unvollkommen wirkender Keramiken ist der eigentliche Beginn der tiefgründigen japanischen Ästhetik, die man heute als wabi-sabi (詫び寂び) bezeichnet.
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Über Jian- und tenmoku-Teeschalen

Die Jian-Teeschale ist der Urtyp der Matchaschale. Wie der Tee das erste Mal nach Japan kam, habe ich im ersten Teil bereits geschildert. Im zweiten Teil lege ich den Fokus auf die buddhistischen Mönche, von denen man annimmt, dass sie es waren, die den Tee nach Japan brachten und endgültig etablierten. Sie brachten die geschätzten Jian-Teeschalen aus China mit und wurden damit zu Trendsettern. Wie kam das?

 

Japanische Zen-Buddhisten studierten im Ausland
In China florierte eine neue Form des Buddhismus, der Chan-Buddhismus, welcher für den japanischen Zen-Buddhismus Vorbildcharakter hatte. In den Ordensregeln der Chan-Klöster gehörte der Tee-Konsum zu zahlreichen Gelegenheiten dazu. So wurden beispielsweise Gäste mit Tee bewirtet, besondere Anlässe mit Tee zelebriert und Meditationsübungen durch den Konsum des anregenden Getränks erleichtert. Tee wurde außerdem von den Klöstern zum Eigenbedarf angebaut. Als nun japanische Zen-Mönche zu Studienaufenthalten nach China reisten, lernten sie diese Form der Trinkkultur in den Chan-Klöstern kennen. Und weil diese Trinkkultur so fest in den Alltag integriert war und der Chan-Buddhismus wegen seiner vorbildlichen Funktion eine natürliche Autorität für die noch jungen Zen-Buddhisten hatte, wurde sie wie selbstverständlich als Sitte übernommen und nach Japan eingeführt.

 

Die Entwicklung in Japan 
In Japan gab es viele buddhistische Sekten, die miteinander konkurrierten. Die medizinischen Vorzüge des Tees kannte man sehr gut und es entstand die erste Teeschrift Japans, in denen der Tee als Wundermittel gegen so manchen Übel angepriesen wurde. Dieser Tee wurde schon bald in religiösen Ritualen karitativ an die Bevölkerung ausgeschenkt. Durch die Verzweigung des Kriegeradels mit buddhistischen Klöstern entdeckten auch sie den Tee für sich und eine eigenständige Tee-Kultur begann, in der man den Tee nach Anbauregion in sogenannten Tee-Wettkämpfen (tôcha 闘茶) zu unterscheiden versuchte.Wie wurde denn nun der Tee zubereitet und getrunken? Da der Tee aus China kam, wurden ganz natürlich chinesische Trinksitten übernommen. Das bezog sich nicht nur auf die Tee-Utensilien, sondern auch auf das Mobiliar und Kunstgegenstände, mittels derer die Räume dekoriert wurden. Die wohlhabenden Gastgeber ließen den Tee in der Regel von Bediensteten zubereiten, die mit einer Heißwasserkanne den Raum betraten. Die Gäste hoben ihre Schalen hoch, der Bedienstete goss heißes Wasser auf das Teepulver, welches vorher in die Schale gegeben wurde, und dann schlug der Bedienstete den Tee in der Schale auf, die der Gast noch immer in der Hand hielt. Dieselbe Prozedur wurde auch in Klöstern verwandt und im Kennin-ji wird sie bis heute tradiert.

 

Jian-Teeschalen als Teil der Trinkkultur
Zu einer Trinkkultur gehört nicht nur das Getränk, sondern auch die Utensilien für die Zubereitung. Wenn wir uns vorstellen mögen, eine original ostfrieische Tee-Zeremonie zu zelebrieren, dann ist es fast unnötig zu erwähnen, dass dazu ostfrieisches Tee-Zubehör wie Porzellan, Sahnelöffel usw. gehören, um als authentisch zu gelten. Schwarze bzw. dunkel glasierte Teeschalen gehörten lange Zeit zu den gefragtesten Schalen, weil der schaumig geschlagene Tee sehr hell war und einen guten Kontrast zu der dunklen Schale bildete.

 

Jian-Teeschalen waren am begehrtesten
Jian-Teeschalen waren besonders hoch angesehen, wurden von chinesischen Gelehrten empfohlen und sogar vom chinesischen Kaiser benutzt. Kein Wunder also, dass diese Tee-Schalen auch in Japan sehr gefragt waren. Man nannte sie kensan 建盞 weil das erste Zeichen für die Herkunft der Teeschale steht: Fujian bzw. Fukken 福建.
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Eine typische Jian-Teeschale mit Hasenfell-Dekor. Quelle: Edgar Durbin, Click

Die hier abgebildete Teeschale ist ein besonders gutes Beispiel für so eine Teeschale. Der hohe Eisengehalt lässt die dick aufgetragene Glasur fast schwarz erscheinen. Ein weiterer Belag, der auf den Rand gestrichen wurde, fließt während des Brennprozesses nach unten und hinterlässt Streifen, die ein bisschen an das Fell eines Hasen erinnern, weswegen dieser Glasurtyp auch so genannt wurde.

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Diese Teeschalen waren teuer und genau aus diesem Grund wurden sie in den heimischen Öfen kopiert. Diese Imitate kamen in der Regel nicht an die Qualität der Jian-Teeschalen heran. Auch in China wurden in anderen Teilen des Landes Teeschalen nach dem Vorbild der Jian-Teeschale gebrannt, doch im Laufe der Zeit entwickelten sich neue Formen und die Glasuren wurden komplexer. Und dann gab es schließlich noch Porzellan-ähnliche und Seladon-Teeschalen, die insgesamt etwas flacher und feiner gestaltet waren. Die bekannteste erhaltene Seladon-Teeschale ist vermutlich diese.

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Hier sieht man eine japanische tenmoku-Teeschale aus den Mino-Öfen. Der Unterschied zum Original ist sehr deutlich!

Variationen waren möglich
Von der Jian-Teeschale gibt es noch zwei weitere Glasurtypen. Die eine hat viele kleine Flecken, die etwas an Öl-Tropfen erinnern. Die andere ist extrem rar, weil sie nur durch ungewöhnliche und nicht reproduzierbare Brennzustände entstand. Davon sind nur vier Stück weltweit bekannt und alle befinden sich in Japan. Ein Foto davon findet ihr hier.

Optischer Effekt im Zusammenspiel mit Matcha
Der schaumig geschlagene Tee bildete einen hellgrünen Schaum, der optisch im Zusammenspiel mit der dunklen Teeschale besonders gut wirkte. Dieser farbliche Effekt wurde in China sehr geschätzt, weswegen diese Teeschalen allgemein als das beste Zubehör erachtet wurden. Die Beliebtheit lässt sich daran ablesen, dass sogar der chinesische Kaiser die Schalen anforderte und die Öfen Tribut leisten mussten.

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Hier wird der Farbeffekt in einer anderen dunklen Raku-Teeschale demonstriert

Japanische Derivate als günstige Alternativen
Im 16. Jahrhundert tauchten neue Interpretationen der Jian-Teeschale auf, die fortan mit dem Sammelbegriff tenmoku* bezeichnet wurden. Teeschalen dieser Kategorie haben als Gemeinsamkeit immer die distinktive Form, können aber verschiedene Glasuren tragen. Deswegen ist es eigentlich falsch, wenn man heutzutage von tenmoku-Glasuren spricht, weil es davon so viele verschiedene Typen gab. Genauso falsch ist, wenn dunkle zylindrische Teeschalen so genannt werden, die dieser Form überhaupt nicht entsprechen. Ein gutes und richtiges Beispiel für eine moderne Interpretation der tenmoku-Teeschale findet man z.B. hier. Wenn es so etwas wie eine klassische Teeschale gibt, dann entsprechen tenmoku dieser Vorstellung am ehesten.

*Unter tenmoku verstand man ursprünglich Teeschalen, die vom chinesischen Berg tianmu (天目山) stammten. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass man schon früh mit diesem Begriff auch andere Teeschalen bezeichnete, die sich von der Jian-Teeschale unterschieden. Trotzdem hatten sowohl die Jian- als auch die tenmoku-Teeschale eine ähnliche Form. Der Unterschied bezog sich auf die Gestaltung des Fußrings, die Tonart und die Glasurbeschaffenheit.

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