Tee in Japan: eine subjektive Einschätzung

Als ich vor gut einem Monat (November 2015) wieder in Japan war, habe ich mich vor allem darauf gefreut, viele schöne Keramiken für den Shop einzukaufen. Ein anderer Grund für meine Vorfreude war natürlich Japans Grüner Tee und Matcha. Mit diesem Blog möchte ich dir einen kleinen Einblick in meine Erfahrungen geben, die ich vor Ort gemacht habe.

Tee in der Gesellschaft

Es gibt sehr viel Literatur über Japans Gesellschaft, welche versucht, dieses Land zu exotisieren. Darin wird ein Bild von naturliebenden Japanern gezeichnet, die sich dem Zen und Shintô hingeben, die Teezeremonie praktizieren und sich trotzdem dem technischen Fortschritt nicht verschließen. In meinem japanischen Umfeld beschränkt sich die Religiosität auf Talismane, die eher einen Mitbringsel-Charakter haben (jeder Schrein stellt Talismane zum Schutz vor irgendetwas her) und Teezeremonie lernen, wenn überhaupt, eher Frauen und Mädchen in der Schule oder in der Uni, um sich die richtige Etikette anzueignen (natürlich bestätigen die Ausnahmen die Regel).

Dōtonbori in Ôsaka
Dōtonbori in Ôsaka

Tee als Teil der traditionellen Kultur

Doch es gibt sie noch immer, die kleinen Ruheinseln Japans. Die Teekultur hat sich im Laufe der Jahrhunderte mit vielen anderen „Wegen“ verbunden und so verwundert es nicht, dass man beim Besuch eines Gartens sehr häufig die Möglichkeit bekommt, eine Schale Matcha zu trinken oder gar an einer Teezeremonie teilzunehmen. Auch buddhistische Tempel bieten ab und an so eine Gelegenheit in andächtiger Atmosphäre. Darüber hinaus haben auch einige Museen einen Teeraum, in dem man an bestimmten Tagen aus historischen Chawan einen Matcha trinken kann. Die Schönheit einer Teeschale erschließt sich nicht allein durchs Betrachten, daher ist es ein sehr verlockendes Angebot.

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Japan – ein Land der Teetrinker?

Ja, man kann durchaus behaupten, dass in Japan Tee omnipräsent ist. Japanischen Grüntee findet man an jeder Ecke. Jeder Getränkeautomat bietet mehrere Sorten Grüntee von verschiedenen Herstellern an. Neben Cafés gibt es Teehäuser, in denen man leckeren Grüntee oder auch Matcha trinken kann. Caféketten haben immer einen Matcha Latte im Programm. Abgerundet wird die Auswahl durch „Royal Milk Tea“, einem Schwarztee mit Milch und Zucker, einem Lemon Tea (Schwarztee mit Zitrone) und Oolong, den man extra aus Taiwan importiert. Besonders beliebt sind in letzter Zeit die Catechin-reichen Grüntees, die beim Abnehmen helfen und vor Krebs schützen sollen.

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Doch für die eben erwähnten Tees kommt häufig nur Massenware zum Einsatz. Hochqualitative Grüntees kann man in der Nähe von Japans Teehochburgen oder in den Feinschmeckerläden überall kaufen. Und dennoch frage ich mich, wer die Käufer bzw. Verbraucher sind. Denn in meinem erweiterten Umfeld gibt es niemanden, für den Tee mehr ist als ein PET-Flaschen-Getränk oder eine Zutat, die in Verbindung mit Süßspeisen sehr gut schmeckt.

Earl Grey Eiscreme
Earl Grey Eiscreme
Dango (süße Reisspeise mit und ohne Matcha)
Dango (süße Reisspeise mit und ohne Matcha)

Eine Frage des Geschlechts?

Um japanische Spitzenqualitäten richtig zuzubereiten, benötigt man vor allem Zeit und Muße. Wer mal etwas über den japanischen Arbeitsalltag gelesen hat, wird wissen, dass die arbeitende Bevölkerung eben jene überhaupt nicht hat. In einer patriarchalisch organisierten Gesellschaft arbeiten die Männer für Frau und Kinder. Doch auch immer mehr Frauen gehen zur Arbeit, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die verbliebene Zielgruppe wird also auch in Zukunft schmaler.

Japans „Silver Generation“

Eine große und zahlungskräftige Zielgruppe ist Japans „Silver Generation“, also Männer und Frauen im Ruhestand. Sie verfügen über die nötige Zeit und Muße, um sich mit zeitintensiven Hobbys zu beschäftigen. Während diese Generation noch recht groß ist, wird der demographische Trend eines Tages dafür sorgen, dass auch diese Zielgruppe schrumpft.

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Hoffnung im Ausland?

Tee ist in Japan längst kein Wachstumsmarkt mehr. Die Zahlen des Verbrauchs sind von Jahr zu Jahr sogar leicht rückläufig. Aus diesem Grund hat Japans Ministerium für Land- und Forstwirtschaft und Fischerei einen Aktionsplan erstellt, um den Export in die USA, nach Singapur und in die EU bis 2020 zu verdreifachen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen neue Märkte wie Russland erschlossen werden. Doch auch der Ausbau bestehender Märkte, wie beispielsweise der EU ist eine Herausforderung, der sich Japans Teebauern stellen müssen, da Bioanbau in Japan nicht weit verbreitet ist. Während die Grenzwerte für Radioaktivität keine Hürde mehr darstellen, ist die Einhaltung der Grenzwerte für Pflanzenschutzmittelrückstände das größte Problem. Die EU-Grenzwerte sind so strikt, dass oft nur Bio-Qualität infrage kommt. Japans Tee ist im Vergleich zu den Tees anderer Anbauländer deutlich teurer, daher sind sie den günstigeren Tees gegenüber auf den ersten Blick im Nachteil. Dieser kann bei entsprechender Beratung allerdings wieder wettgemacht werden.

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