Merkmale japanischer Raku-Teeschalen: was zeichnet sie aus?

Lange habe ich gezögert, mich dem Thema Raku zu widmen. Es gibt so viel zu dieser Keramik-Gattung zu schreiben, weil insbesondere die Geschichte vorbelastet ist und ich nicht wusste, wie ich ein solch komplexes Thema in einem Blog wiedergeben kann. Als ich damals anfing, meine Magisterarbeit zu schreiben, wollte ich noch nachweisen, wie groß der Einfluss der Teemeister auf die Keramik-Entwicklung war. Da der bekannteste Teemeister Japans Sen no Rikyû (千 利休, 1522-1591) in zahlreichen modernen Schriften als Schöpfer bzw. Initiator dieser Keramik-Gattung vorgestellt wird, sollte es ein Leichtes sein, dafür konkrete Beispiele zu finden, dachte ich mir. Es kam natürlich anders und ich musste letztlich das Thema abändern.Bevor es losgeht, möchte ich auf ein paar Artikel aufmerksam machen, die diesem vorangehen:

Raku-Teeschalen genießen allgemein das höchste Ansehen bei japanischen Tee-Liebhabern. Es gibt den lange bekannten Satz: ichi raku, ni hagi, san karatsu, der besagt, dass innerhalb der verfügbaren Tee-Utensilien an erster Stelle Raku-, an zweiter Hagi- und an dritter Stelle Karatsu-Keramik stehe.

Heutzutage versteht man unter Raku eine Brenntechnik, die sich durch niedrigere Brenntemperaturen oder eine kürzere Brenndauer auszeichnet.

Als Begründer der Raku-Keramik gilt der Töpfer Chôjirô, der in Kyôto als Dachziegeltöpfer arbeitete und chinesischer Abstammung war. Er produzierte äußerst schlichte Teeschalen und schaffte es, solche zu kreieren, die heute mit der japanischen Ästhetik und Tee-Zeremonie eng verknüpft sind. Der Raku-Betrieb wird heute von Raku Kichizaemon XV. geführt.

Längst gibt es Raku-Kurse in Europa und Amerika, die beweisen, dass sich der Westen vom Osten hat inspirieren lassen. Dennoch gibt es große Unterschiede, denn im Westen wird mit der Brenntechnik häufig auf andere Resultate abgezielt als in Japan.

Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel meiner Magisterarbeit. Den Text habe ich angepasst und die Quellen entfernt. Wer an den Quellen interessiert ist, dem werde ich die Arbeit gerne zugänglich machen.

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Dies ist der erste Beitrag der Reihe Raku. Derzeit sind drei weitere Beiträge in Planung, heute geht es um die wesentlichen Merkmale der ursprünglichen Raku-Keramik des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Beschreibung der Merkmale erfolgt daher aus einem historischen Blickwinkel. Leider darf ich aus rechtlichen Gründen keine Fotos einbinden, daher habe ich die wichtigsten Teeschalen verlinkt. Im Beitrag selbst sind Fotos der beiden Rakuschalen eingebunden, die ich Kyôto gekauft habe.

Formen
Die am häufigsten auftretende Form ist zylindrisch und flacht nach unten ab, bei einigen Teeschalen mehr, bei anderen weniger. Diese Form wird als hanzutsu-gata (halbzylindrische Form) bezeichnet. Die Teeschale steht auf einem runden Standring. Die Außenwände sind meistens hoch und unregelmäßig. Diese Eigenschaften fallen bei jeder Teeschale unterschiedlich aus, was kaum überrascht, wenn man bedenkt, dass sie i.d.R. mit der tezukune-Technik (Freihandaufbau) hergestellt wurden und eine Massenproduktion sich gleichender Schalen auf diese Weise nicht möglich war. Obwohl auch Sonderformen wie die viereckige (yohô) Schale Mukiguri oder eine Teeschale mit nach außen gewölbtem Lippenrand (kuchizukuri) Chôjirô zugeschrieben werden, unterteilt Raku Kichizaemon die repräsentativsten Teeschalen in vier Kategorien, um wiederholende Merkmale zu strukturieren. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch weitere Teeschalen gibt, die zwar Chôjirô zugeschrieben werden, die sich jedoch wie die oben genannten Beispiele nicht in eine dieser Kategorien einordnen lassen.

Unter die erste Kategorie fällt die schwarze Teeschale Ôguro. Diese Schalen entsprechen der bereits erwähnten zylindrischen hanzutsu-Form und zeichnen sich durch an den Enden leicht abgerundete Außenwände () und eine locker ausgebreitete Hüfte (koshi) aus. Da dieses Merkmal auch auf die Form wan’nari (Essschalen-Form) zutrifft, benutzt Raku Kichizaemon den Begriff hanzutsu wan’nari. Sie weist nur wenige Unebenheiten auf und wirkt sehr symmetrisch. Für die zweite Kategorie ist die Schale Shunkan ein gutes Beispiel. Der Durchmesser ist etwas breiter und die Außenwände sind absichtlich unsymmetrisch gestaltet, weisen aber eine Wölbung in dieselbe Richtung auf. Der obere Rand () ist etwas stärker nach innen gewölbt. Von ihrer Gesamterscheinung hat sie viel gemein mit Seto-guro-Teeschalen, weil die Hüfte (koshi) nur wenig gekrümmt und fast parallel zum Boden verläuft.

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Rotes Raku mit schwarzen Verfärbungen

Die dritte Kategorie wird anhand der Teeschale Omokage erklärt. Auch diese hat eine sehr tiefe Hüfte, wie die bereits vorgestellte Teeschale Shunkan. Sie hat allerdings einen kleineren Durchmesser und die Außenwände sind noch asymmetrischer und weisen eine leichte Wellenbewegung auf. Trotzdem gilt diese Schale noch als hanzutsu-gata. Die vierte und letzte Kategorie wird durch die Teeschale Fuze vertreten. Die Hüfte ist wie bei den Vorgängern nicht gekrümmt, schwillt aber etwas an und wirkt dadurch am Boden dicker. In der Mitte ist die Außenwand etwas enger gestaltet, dadurch erhält die Schale eine bogenförmige Bewegung, was den vorher beschriebenen Effekt noch verstärkt. Auffällig ist außerdem der wellenförmige Lippenrand.

Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das Spektrum der Teeschalengestaltung ausfiel. Die meisten Teeschalen fallen trotz vorhandener Variationen in die hanzutsu-Form. Die Glasur ist nicht glatt, sondern wirkt leicht porenartig und ist etwas uneben. Die Farben sind bei Chôjirô entweder rot oder schwarz. Manchmal können auch kleine nadelstichartige Löcher enthalten sein. Die Schalen sind sehr schlicht und monochrom gehalten und selbst der Fußring wurde glasiert. Es gab also farblich keinen Kontrast. Nach Chôjirôs Tod wurde durch Tanaka Sôkei, der die Raku-Töpferei mit Chôjirô zusammen leitete, das Raku-Siegel eingeführt, womit seine Werke i.d.R. signiert wurden. Mit Jôkei (?–1635), dem Sohn Sôkeis, bekamen die Raku-Schalen eine neue Richtung. Es wurde unter anderem eine weiße Glasur eingeführt, um koreanische Ido-Teeschalen zu imitieren, und es wurden auch Dekore auf die sonst monochromen Schalen aufgetragen.

Optik
Raku-Schalen sind ein Beispiel dafür, dass nicht mehr die Glasur-Effekte die Qualität einer Teeschale ausmachten, sondern ihre Form. Schwarze Raku-Schalen haben eine monochrome Glasur und bieten nur in Verbindung mit Tee einen farblichen Kontrast, der bei dunklen Glasuren sowie bei Jian-Teeschalen besonders gut zur Geltung kommt. Während bei Jian-Teeschalen die Glasur glatt war, hat die Raku-Glasur eine richtige Oberflächentextur. Hinzu kommen individuelle und einzigartige asymmetrische Formen, die auf die optische Wahrnehmung einen großen Einfluss ausüben und der Teeschale einen individuellen Charakter verleihen können. Auch das aufgedrückte Siegel wurde bei der Begutachtung der Teeschale mit Sicherheit wahrgenommen.

Haptik
Raku-Teeschalen fallen durch die weichen und wellenförmigen asymmetrischen Strukturen auf, obwohl es – zumindest anfangs – auch welche gab, die symmetrisch waren. Typisch für symmetrische Formen ist, dass sie i.d.R. unabhängig vom Blickwinkel gleich aussehen. Daraus kann man schlussfolgern, dass sich solche Teeschalen unabhängig von der Seite, auf welche die Handfläche trifft, gleich anfühlen. Das ist bei asymmetrischen Flächen anders, da sie sich auf der Außenwand unterschiedlich verteilen. Diese stoffliche Qualität führt zu einer bestimmten Umgangsweise, die bei Jean Piaget Assimilation heißt. Damit ist gemeint, dass Oberflächen, Farben und die Akustik eines Objekts einen bestimmten Umgang provozieren. Daher kann man annehmen, dass die Teeschale in den Händen rotiert wurde, um diese Qualitäten haptisch und optisch zu erfassen. Es kann außerdem angenommen werden, dass Raku-Teeschalen noch vorsichtiger als Hochbrand-Keramiken gehandhabt wurden, weil ihr poröses Material sie zerbrechlicher und leichter machte.

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Schwarze Raku-Teeschale mit glasiertem Fußring (kôdai)

Der unregelmäßige Lippenrand führte dazu, dass sich nicht jede Stelle gleich gut zum Trinken eignete und die Teeschale vor dem Trinken gedreht werden musste, bis eine geeignete Stelle gefunden wurde. Während bei Jian-Teeschalen der Fußring unglasiert blieb, glasierte Chôjirô den Fußring mit. Dies hatte zur Folge, dass der Scherben weder haptisch noch optisch erfasst werden konnte. Bei Teeschalen seines Mitarbeiters Sôkei sind auch solche mit unglasiertem Fußring bekannt.

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Rotes Raku mit unglasiertem Fußring (kôdai)

Die neuartigen zylindrischen Formen laden den Benutzer dazu ein, die Schale mit beiden Händen zu umfassen. Das führt dazu, dass der Haptik eine größere Rolle zukommt, als bei den zuvor gezeigten Formen der Jian-Teeschale, bei denen sich das starke Abflachen der Außenwand in Richtung Boden etwas nachteilig für die Handhabung auswirken konnte. Die Glasur ist außerdem nicht glatt, sondern wirkt leicht porenartig und ist etwas uneben. Manchmal können auch kleine nadelstichartige Löcher enthalten sein, die man spüren kann. Durch die relativ niedrige Brenntemperatur fühlt sich die Oberfläche weicher an, weswegen in diesem Zusammenhang von weicher Qualität (nanshitsu) gesprochen wird. Die niedrige Brenntemperatur hat außerdem zufolge, dass Raku-Teeschalen einen dumpfen und hohlen Klang abgeben, wenn man mit dem Fingernagel gegen die Wand stößt. Außerdem sind sie angenehm zu halten, selbst wenn sie mit heißem Wasser gefüllt sind. Das liegt daran, dass Niedrigbrand-Keramiken weniger verglasen und folglich weniger wärmeleitend sind. Es gibt aber noch ein weiteres Merkmal, welches für die Haptik wichtig ist. Pitelka betont, dass der Töpfer während der Gestaltung ungewöhnlich sensibel mit der Teeschale umging, sie konstant mit seinen eigenen Händen formte. Er schlussfolgert daraus: „[…] the potter was unusually sensitive to how the bowl would fit and feel in the palm of a tea practitioner“.

Die Tendenz zur Asymmetrie, wie sie bei Raku, aber auch bei den dunkel glasierten Mino-Keramiken zu beobachten ist, spricht dafür, dass diese Merkmale an Bedeutung gewannen. Dass sie verschieden stark ausfallen, spricht für eine differenzierte Nachfrage seitens der Konsumenten, die solche Eigenschaften in unterschiedlichem Ausmaß schätzten. Eine weitere haptische Quelle, die mit den Teeschalen von Sôkei hinzukam, ist das aufgedrückte Raku-Siegel. Solche Siegel stellen eine neue haptische Erfahrung dar, weil es bis zu dieser Zeit nicht üblich war, Keramiken durch das Aufdrücken eines Stempels zu signieren. Außerdem wurden nicht mehr alle Teeschalen komplett glasiert, weswegen auch der offen gelegte Scherben ertastet werden konnte.

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10 Gedanken zu „Merkmale japanischer Raku-Teeschalen: was zeichnet sie aus?

  1. Es gibt ab er noch etwas, was Raku-ware fast unverwechselbar macht. Zumindest ist mir das bei meinen 2 Raku’s aufgefallen und von anderen “Teezeremonienliebhabern”
    bestätigt worden. Durch die niedrige Brenntemperatur und die rakutechnisch bedingte Offenporigkeit entsteht eine Verbindung des Tons durch die Glasur nach außen! Das soll heißen, dass der erdige Geruch des Tons beim Riechen an der blanken Schale dneutlich wahrnehmbar ist. Auch während des Trinkens steigt der Tongeruch deutlich in die Nase, während der Teegeschmack nur sehr geringfügig geändert wird. Viele Teezeremonienanhänger schätzen diese zusätzliche Note, habe ich mir sagen lassen.
    Auch zu solchen Erfahrungen gekommen?
    beste Grüße
    Rüdiger

    1. Hallo Rüdiger,

      ja, die Erfahrung habe ich bei einigen Raku-Schalen auch gemacht. Dabei kommt es wohl vor allem auf die verwendete Tonmischung an. Meine rote Chawan, die ein günstiges Einstiegsmodell ist, hatte am Anfang auch diesen Duft. Dieser wurde bei Benutzung nach und nach schwächer. Meine schwarze Chawan, die von Sasaki Shôraku ist, hatte diesen Duft von Beginn an nicht, wenn ich mich richtig erinnere. Eine deutsche Raku-Schale hingegen scheint diesen Duft besonders lange zu behalten. Eine andere aus Deutschland wiederum gar nicht.

      Liebe Grüße,

      Lukas

      1. Hallo Lukas,
        meine beiden Raku’s sind eine rote und eine beige “sand-glazed” . Ich erwarte jetzt noch eine Ôhi-yaki, der aber eine etwas andere Glasur und ähnliche Brenntechnik zu Grunde liegt. Mal sehen (eher riechen), wie dort der Geruch ausfällt.
        LG
        Rüdiger

          1. hallo Lukas,
            jetzt ist es schon November und meine Ôhi-schale hat des Öfteren den Test auf Tongeruch durchlaufen. Die Schale riecht in trockenem Zustand neutral. Beim ersten Befüllen mit Bancha kam der Geruch noch nicht deutlich hervor. Aber bei den nächsten Versuchen war er wieder deutlich da, der Tongeruch – etwas anders als bei den Raku’s. Der Ôhi-Ton hat wohl eine andere Zusammensetzung. Mein “Lieferant” meinte zwar, durch den etwas anderen Brand und die dichtere Glasur müsste der Geruch nicht so deutlich zu erfahren sein, aber ich meine, dass die Intensität gleich denen der Raku’s sei.
            liebe Grüße
            Rüdiger

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