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Was ist historisches Raku aus japanischer Sicht?

Heute widme ich mich wieder dem Thema Raku. Die Frage nach der Herkunft von Raku ist spannend und es gib in Japan verschiedene Versionen der Entstehungsgeschichte. Ich halte mich an die in Japan übliche Version. Neueinsteigern möchte ich die beiden vorausgegangenen Artikel ans Herz legen:

Wenn man Artikel oder gar Bücher über den japanischen Teeweg (chadô 茶道) liest, dann stößt man unweigerlich auf den mutmaßlichen Begründer bzw. Vollender des Teewegs, Sen no Rikyû (1522–1592). Rikyû, der aus Sakai stammte, gilt heute als bedeutendster Teemeister in der japanischen Geschichte. Es ist kein Zufall, dass Rikyûs Stellung hervorgehoben wird, denn die bedeutenden Teeschulen Japans, die sogenannten „Drei Sen-Schulen“ (san-senke) berufen sich auf seine Lehren und beziehen daraus ihre Legitimität und Authentizität.

Sen-2BRiky-C3-BB-2B-2Bjapanischer-2BTeemeister

Wer war eigentlich Sen no Rikyû?
Rikyû ging aus einer wohlhabenden Familie hervor, die im Fischgroßhandel tätig war. Er hinterließ keine Tagebücher oder schriftlichen Anweisungen über seinen Teestil. Von Rikyû ist aber bekannt, dass er sowohl den shoin-Tee* der Aristokratie und des Kriegeradels als auch den sôan-Tee* praktizierte, der zu dieser Zeit bereits als wabi-Tee* bezeichnet wurde. Drei Teeschulen berufen sich auf Rikyû, wurden aber erst von späten Nachfahren im 17. Jahrhundert gegründet. Zu ihnen gehören die Urasenke, die den rustikalen wabi-Tee, die Omotesenke, die den shoin-Tee tradieren, und die Mushakôjisenke. Rikyû, der u.a. unter Takeno Jôô Tee lernte, erreichte als Teemeister eine besondere Bedeutung unter den Regenten Oda Nobunaga (1534–1582) und Toyotomi Hideyoshi (1537–1598). Seine Aktivitäten und Geräte-Expertise sind teilweise in den Teetagebüchern und Aufzeichnungen seiner Anhänger dokumentiert. Eine wichtige Quelle für das Verständnis von Tee-Konventionen ist das Yamanoue Sôji-ki, dessen Verfasser Yamanoue Sôji selbst Schüler von Rikyû war und als ein großer Verfechter seiner Lehren gilt. In Anlehnung an Jôô und Rikyû werden darin Regeln für Teemeister formuliert und Rikyûs Radikalisierung des wabi-Tees am Beispiel eines sehr kleinen Anderthalb-Tatami-Teeraums beschrieben. Trotz dieser Quellen ist die Quellenlage problematisch, da die Korrektheit der Überlieferungen nie garantiert werden kann. Aus diesem Grund sind auch spätere Aufzeichnungen und Anekdoten, in denen Rikyû zitiert wird, stets als kritisch zu bewerten.

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Ihôan – japanisches Teehaus in Kyôto auf dem Gelände des Kôdai-ji

*Der shoin-Tee bezeichnet den „Tee im Studierzimmer“. Bei diesem Stil wurden ausschließlich kostbare Utensilien aus China verwendet. Der sôan-Tee hingegen wurde in einem schlichten Teehaus abgehalten. Das Teehaus wird einer idealisierten Einsiedlerklause nachempfunden. In diesem Modus wurden neben chinesischen auch japanische und koreanische Utensilien verwendet.

Schöpfungsmythos der Raku-Keramik
In der japanischen Literatur und chadô-Forschung besteht bis in die jüngste Zeit weitreichende Einigkeit darüber, dass Chôjirô, eigentlich ein Dachziegelbrenner chinesischer Abstammung, diese Keramik nicht allein, sondern unter Anleitung des großen Teemeisters der japanischen Tee-Geschichte, Sen no Rikyû, angefertigt hat. Gestützt wird diese Ansicht durch das eigene Verständnis der Raku-Töpfer über ihre tradierte Herkunft und die Einigkeit über die Entstehung der Raku-Keramik mit den Drei Sen-Schulen. Es gibt zahlreiche Publikationen, in denen diese Verbindung zwischen Rikyû und Chôjirô immer wieder behauptet wird und so verwundert es nicht, dass diese Entstehungslegende in westliche Literatur Einzug gehalten hat.

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Rotes Raku

Der japanischen Tee-Geschichte folgend soll Rikyû auf der Suche nach einer schlichten dekorlosen Teeschale auf den Dachziegeltöpfer Chôjirô, der am Bau des Schlosses Jurakudai mitarbeitete, gestoßen sein und sein Talent erkannt haben. Er beauftragte Chôjirô mit der Herstellung von roten und schwarzen Teeschalen, die später der Mittelpunkt der Raku-Tradition werden sollten. Darüber hinaus soll Chôjirô von Toyotomi Hideyoshi eine Auszeichnung mit der Aufschrift tenka ichi (der Weltbeste) für die hervorragende Qualität seiner Teeschalen erhalten haben, obwohl auch Versionen dieser Geschichte existieren, nach denen Hideyoshi Chôjirôs schlichte Teeschalen wenig schätzte. Für all diese Anekdoten gibt es keine historischen Belege. Heute geht auch Raku Kichizaemon XV. davon aus, dass das Raku-Siegel, welches als Signatur auf die Teeschalen gedrückt wird, nicht von Hideyoshi verliehen wurde, sondern das Siegel dazu benutzt wurde, um die hauseigenen Teeschalen von denen der Mitbewerber besser unterscheidbar zu machen.

Historische Quellen, die eine Brücke von Chôjirô bis Rikyû darstellen, sind die Teeschrift Nanbôroku und das sogenannte chakaiki. Als chakaiki werden Teeprotokolle bezeichnet, in denen verschiedene Angaben zu einer Tee-Zusammenkunft dokumentiert sind. Dazu gehören die Gäste, die dargereichten Speisen, konkrete Abläufe und verwendete Tee-Utensilien.

Im Falle des Nanbôroku handelt es sich vermutlich um eine Aufzeichnung eines Zen-Mönches namens Nanbô Sôkei (Lebensdaten unbekannt) aus dem Nanshûji. Diese gilt innerhalb des Tee-Kanons als eine der umstrittensten Schriften. In dieser Schrift sind zwei Tee-Protokolle von Rikyû enthalten, wovon eines ein Frischwassergefäß und ein weiteres eine Räucherwerkdose von Chôjirô erwähnt. Die Glaubwürdigkeit dieses Dokuments steht in einem zweifelhaftem Licht, weil es erst 1690 – ca. 100 Jahre nach Rikyûs Tod – „entdeckt“ wurde und einige darin enthaltene Informationen stehen im Widerspruch zu Informationen aus vertraulicheren Quellen.

Aber auch außerhalb vom Nanbôroku lassen sich aus japanischer Sicht Hinweise für Rikyû als Urheber der Raku-Keramik finden. Es gibt drei überlieferte Tee-Protokolle, deren Echtheit unbestritten ist. In zwei Protokollen mit Rikyû als Gastgeber wurde jeweils eine schwarze Teeschale vermerkt. Da es damals nur wenige schwarze Teeschalen gab und für die bereits Bekannten Namen existierten, geht man bis heute davon aus, dass mit dieser Bezeichnung nur Raku gemeint sein kann. Das dritte Protokoll erwähnt eine Teeschale mit dem Namen Kimamori. Diese Teeschale sei von Rikyû an seine Nachkommen weitergegeben worden und soll heute ein wichtiger Schatz der Familie sein.

Ein weiterer Hinweis ist die sôeki-gata chawan (Teeschale in Sôeki-Form).* Diese taucht im Jahre 1586 in einem Protokoll von Matsuya Hisamasa (?–1598) bei einer Tee-Veranstaltung eines Beamten aus Nara auf. Der Begriff deutet eine Verbindung zu Rikyû zwar an, kann aber nicht eindeutig interpretiert werden. Tee-Forscher gingen seit Langem davon aus, dass es sich bei dieser Form um eine von Chôjirôs Schalen handeln müsse und diese Rikyûs Geschmack entsprochen haben soll.

*Sôeki ist der damalige Name von Sen no Rikyû.

Neben diesen Hinweisen gibt es sogenannte hakogaki (Inschriften von Holzschachteln), die belegen sollen, dass Rikyû eine Vielzahl dieser Schalen besessen hat. In Holzschachteln wurden wertvolle Tee-Utensilien zum Schutz aufgehoben. Diese Aufbewahrungsart setzte im 16. Jahrhundert ein und im 17. Jahrhundert wurde es üblich, die Geschichte der darin aufbewahrten Objekte zu dokumentieren. Es gibt eine Reihe von Objekten, die auf diese Weise Rikyû als Besitzer bzw. Chôjirô als Hersteller zugeschrieben werden.

Fazit
Nimmt man all diese Hinweise zusammen, scheint es eine Verbindung zwischen Rikyû und Chôjirô gegeben zu haben, auch wenn nicht sicher ist, wie genau diese ausgesehen hat. War Rikyû einfach nur Kunde von Chôjirô oder hat er ihn tatsächlich beauftragt? War Chôjirô tatsächlich der einzige Töpfer, der solche Teeschalen brannte? Auf diese Fragen werde ich im nächsten Teil Antworten aus Sicht der Wissenschaft geben.

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Merkmale japanischer Raku-Teeschalen: was zeichnet sie aus?

Lange habe ich gezögert, mich dem Thema Raku zu widmen. Es gibt so viel zu dieser Keramik-Gattung zu schreiben, weil insbesondere die Geschichte vorbelastet ist und ich nicht wusste, wie ich ein solch komplexes Thema in einem Blog wiedergeben kann. Als ich damals anfing, meine Magisterarbeit zu schreiben, wollte ich noch nachweisen, wie groß der Einfluss der Teemeister auf die Keramik-Entwicklung war. Da der bekannteste Teemeister Japans Sen no Rikyû (千 利休, 1522-1591) in zahlreichen modernen Schriften als Schöpfer bzw. Initiator dieser Keramik-Gattung vorgestellt wird, sollte es ein Leichtes sein, dafür konkrete Beispiele zu finden, dachte ich mir. Es kam natürlich anders und ich musste letztlich das Thema abändern.Bevor es losgeht, möchte ich auf ein paar Artikel aufmerksam machen, die diesem vorangehen:

Raku-Teeschalen genießen allgemein das höchste Ansehen bei japanischen Tee-Liebhabern. Es gibt den lange bekannten Satz: ichi raku, ni hagi, san karatsu, der besagt, dass innerhalb der verfügbaren Tee-Utensilien an erster Stelle Raku-, an zweiter Hagi- und an dritter Stelle Karatsu-Keramik stehe.

Heutzutage versteht man unter Raku eine Brenntechnik, die sich durch niedrigere Brenntemperaturen oder eine kürzere Brenndauer auszeichnet.

Als Begründer der Raku-Keramik gilt der Töpfer Chôjirô, der in Kyôto als Dachziegeltöpfer arbeitete und chinesischer Abstammung war. Er produzierte äußerst schlichte Teeschalen und schaffte es, solche zu kreieren, die heute mit der japanischen Ästhetik und Tee-Zeremonie eng verknüpft sind. Der Raku-Betrieb wird heute von Raku Kichizaemon XV. geführt.

Längst gibt es Raku-Kurse in Europa und Amerika, die beweisen, dass sich der Westen vom Osten hat inspirieren lassen. Dennoch gibt es große Unterschiede, denn im Westen wird mit der Brenntechnik häufig auf andere Resultate abgezielt als in Japan.

Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel meiner Magisterarbeit. Den Text habe ich angepasst und die Quellen entfernt. Wer an den Quellen interessiert ist, dem werde ich die Arbeit gerne zugänglich machen.

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Dies ist der erste Beitrag der Reihe Raku. Derzeit sind drei weitere Beiträge in Planung, heute geht es um die wesentlichen Merkmale der ursprünglichen Raku-Keramik des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Beschreibung der Merkmale erfolgt daher aus einem historischen Blickwinkel. Leider darf ich aus rechtlichen Gründen keine Fotos einbinden, daher habe ich die wichtigsten Teeschalen verlinkt. Im Beitrag selbst sind Fotos der beiden Rakuschalen eingebunden, die ich Kyôto gekauft habe.

Formen
Die am häufigsten auftretende Form ist zylindrisch und flacht nach unten ab, bei einigen Teeschalen mehr, bei anderen weniger. Diese Form wird als hanzutsu-gata (halbzylindrische Form) bezeichnet. Die Teeschale steht auf einem runden Standring. Die Außenwände sind meistens hoch und unregelmäßig. Diese Eigenschaften fallen bei jeder Teeschale unterschiedlich aus, was kaum überrascht, wenn man bedenkt, dass sie i.d.R. mit der tezukune-Technik (Freihandaufbau) hergestellt wurden und eine Massenproduktion sich gleichender Schalen auf diese Weise nicht möglich war. Obwohl auch Sonderformen wie die viereckige (yohô) Schale Mukiguri oder eine Teeschale mit nach außen gewölbtem Lippenrand (kuchizukuri) Chôjirô zugeschrieben werden, unterteilt Raku Kichizaemon die repräsentativsten Teeschalen in vier Kategorien, um wiederholende Merkmale zu strukturieren. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch weitere Teeschalen gibt, die zwar Chôjirô zugeschrieben werden, die sich jedoch wie die oben genannten Beispiele nicht in eine dieser Kategorien einordnen lassen.

Unter die erste Kategorie fällt die schwarze Teeschale Ôguro. Diese Schalen entsprechen der bereits erwähnten zylindrischen hanzutsu-Form und zeichnen sich durch an den Enden leicht abgerundete Außenwände () und eine locker ausgebreitete Hüfte (koshi) aus. Da dieses Merkmal auch auf die Form wan’nari (Essschalen-Form) zutrifft, benutzt Raku Kichizaemon den Begriff hanzutsu wan’nari. Sie weist nur wenige Unebenheiten auf und wirkt sehr symmetrisch. Für die zweite Kategorie ist die Schale Shunkan ein gutes Beispiel. Der Durchmesser ist etwas breiter und die Außenwände sind absichtlich unsymmetrisch gestaltet, weisen aber eine Wölbung in dieselbe Richtung auf. Der obere Rand () ist etwas stärker nach innen gewölbt. Von ihrer Gesamterscheinung hat sie viel gemein mit Seto-guro-Teeschalen, weil die Hüfte (koshi) nur wenig gekrümmt und fast parallel zum Boden verläuft.

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Rotes Raku mit schwarzen Verfärbungen

Die dritte Kategorie wird anhand der Teeschale Omokage erklärt. Auch diese hat eine sehr tiefe Hüfte, wie die bereits vorgestellte Teeschale Shunkan. Sie hat allerdings einen kleineren Durchmesser und die Außenwände sind noch asymmetrischer und weisen eine leichte Wellenbewegung auf. Trotzdem gilt diese Schale noch als hanzutsu-gata. Die vierte und letzte Kategorie wird durch die Teeschale Fuze vertreten. Die Hüfte ist wie bei den Vorgängern nicht gekrümmt, schwillt aber etwas an und wirkt dadurch am Boden dicker. In der Mitte ist die Außenwand etwas enger gestaltet, dadurch erhält die Schale eine bogenförmige Bewegung, was den vorher beschriebenen Effekt noch verstärkt. Auffällig ist außerdem der wellenförmige Lippenrand.

Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das Spektrum der Teeschalengestaltung ausfiel. Die meisten Teeschalen fallen trotz vorhandener Variationen in die hanzutsu-Form. Die Glasur ist nicht glatt, sondern wirkt leicht porenartig und ist etwas uneben. Die Farben sind bei Chôjirô entweder rot oder schwarz. Manchmal können auch kleine nadelstichartige Löcher enthalten sein. Die Schalen sind sehr schlicht und monochrom gehalten und selbst der Fußring wurde glasiert. Es gab also farblich keinen Kontrast. Nach Chôjirôs Tod wurde durch Tanaka Sôkei, der die Raku-Töpferei mit Chôjirô zusammen leitete, das Raku-Siegel eingeführt, womit seine Werke i.d.R. signiert wurden. Mit Jôkei (?–1635), dem Sohn Sôkeis, bekamen die Raku-Schalen eine neue Richtung. Es wurde unter anderem eine weiße Glasur eingeführt, um koreanische Ido-Teeschalen zu imitieren, und es wurden auch Dekore auf die sonst monochromen Schalen aufgetragen.

Optik
Raku-Schalen sind ein Beispiel dafür, dass nicht mehr die Glasur-Effekte die Qualität einer Teeschale ausmachten, sondern ihre Form. Schwarze Raku-Schalen haben eine monochrome Glasur und bieten nur in Verbindung mit Tee einen farblichen Kontrast, der bei dunklen Glasuren sowie bei Jian-Teeschalen besonders gut zur Geltung kommt. Während bei Jian-Teeschalen die Glasur glatt war, hat die Raku-Glasur eine richtige Oberflächentextur. Hinzu kommen individuelle und einzigartige asymmetrische Formen, die auf die optische Wahrnehmung einen großen Einfluss ausüben und der Teeschale einen individuellen Charakter verleihen können. Auch das aufgedrückte Siegel wurde bei der Begutachtung der Teeschale mit Sicherheit wahrgenommen.

Haptik
Raku-Teeschalen fallen durch die weichen und wellenförmigen asymmetrischen Strukturen auf, obwohl es – zumindest anfangs – auch welche gab, die symmetrisch waren. Typisch für symmetrische Formen ist, dass sie i.d.R. unabhängig vom Blickwinkel gleich aussehen. Daraus kann man schlussfolgern, dass sich solche Teeschalen unabhängig von der Seite, auf welche die Handfläche trifft, gleich anfühlen. Das ist bei asymmetrischen Flächen anders, da sie sich auf der Außenwand unterschiedlich verteilen. Diese stoffliche Qualität führt zu einer bestimmten Umgangsweise, die bei Jean Piaget Assimilation heißt. Damit ist gemeint, dass Oberflächen, Farben und die Akustik eines Objekts einen bestimmten Umgang provozieren. Daher kann man annehmen, dass die Teeschale in den Händen rotiert wurde, um diese Qualitäten haptisch und optisch zu erfassen. Es kann außerdem angenommen werden, dass Raku-Teeschalen noch vorsichtiger als Hochbrand-Keramiken gehandhabt wurden, weil ihr poröses Material sie zerbrechlicher und leichter machte.

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Schwarze Raku-Teeschale mit glasiertem Fußring (kôdai)

Der unregelmäßige Lippenrand führte dazu, dass sich nicht jede Stelle gleich gut zum Trinken eignete und die Teeschale vor dem Trinken gedreht werden musste, bis eine geeignete Stelle gefunden wurde. Während bei Jian-Teeschalen der Fußring unglasiert blieb, glasierte Chôjirô den Fußring mit. Dies hatte zur Folge, dass der Scherben weder haptisch noch optisch erfasst werden konnte. Bei Teeschalen seines Mitarbeiters Sôkei sind auch solche mit unglasiertem Fußring bekannt.

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Rotes Raku mit unglasiertem Fußring (kôdai)

Die neuartigen zylindrischen Formen laden den Benutzer dazu ein, die Schale mit beiden Händen zu umfassen. Das führt dazu, dass der Haptik eine größere Rolle zukommt, als bei den zuvor gezeigten Formen der Jian-Teeschale, bei denen sich das starke Abflachen der Außenwand in Richtung Boden etwas nachteilig für die Handhabung auswirken konnte. Die Glasur ist außerdem nicht glatt, sondern wirkt leicht porenartig und ist etwas uneben. Manchmal können auch kleine nadelstichartige Löcher enthalten sein, die man spüren kann. Durch die relativ niedrige Brenntemperatur fühlt sich die Oberfläche weicher an, weswegen in diesem Zusammenhang von weicher Qualität (nanshitsu) gesprochen wird. Die niedrige Brenntemperatur hat außerdem zufolge, dass Raku-Teeschalen einen dumpfen und hohlen Klang abgeben, wenn man mit dem Fingernagel gegen die Wand stößt. Außerdem sind sie angenehm zu halten, selbst wenn sie mit heißem Wasser gefüllt sind. Das liegt daran, dass Niedrigbrand-Keramiken weniger verglasen und folglich weniger wärmeleitend sind. Es gibt aber noch ein weiteres Merkmal, welches für die Haptik wichtig ist. Pitelka betont, dass der Töpfer während der Gestaltung ungewöhnlich sensibel mit der Teeschale umging, sie konstant mit seinen eigenen Händen formte. Er schlussfolgert daraus: „[…] the potter was unusually sensitive to how the bowl would fit and feel in the palm of a tea practitioner“.

Die Tendenz zur Asymmetrie, wie sie bei Raku, aber auch bei den dunkel glasierten Mino-Keramiken zu beobachten ist, spricht dafür, dass diese Merkmale an Bedeutung gewannen. Dass sie verschieden stark ausfallen, spricht für eine differenzierte Nachfrage seitens der Konsumenten, die solche Eigenschaften in unterschiedlichem Ausmaß schätzten. Eine weitere haptische Quelle, die mit den Teeschalen von Sôkei hinzukam, ist das aufgedrückte Raku-Siegel. Solche Siegel stellen eine neue haptische Erfahrung dar, weil es bis zu dieser Zeit nicht üblich war, Keramiken durch das Aufdrücken eines Stempels zu signieren. Außerdem wurden nicht mehr alle Teeschalen komplett glasiert, weswegen auch der offen gelegte Scherben ertastet werden konnte.

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